Von Gregor Schöllgen

Lange nicht war Europa so im Gespräch wie in diesen Tagen, selten ist eine europapolitische Entscheidung auf derart breites Interesse gestoßen wie das Referendum der Franzosen über die Verträge von Maastricht. Aber was jeden PR-Manager freuen würde, gilt im Falle Europas gerade nicht. Denn immer wenn die politische, wirtschaftliche oder militärische Integration des Kontinents in aller Munde war, stand es schlecht um sie.

Das war schon in den frühen fünfziger Jahren so, als mit dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) auch der Plan einer politischen Union zu den Akten gelegt werden mußte. Das war so in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, als Charles de Gaulle den vorübergehenden Auszug Frankreichs aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Westeuropäischen Union (WEU) in Szene setzte und so Europa in die Schlagzeilen brachte. Auch jetzt ist es nicht anders: Die Ablehnung der Maastrichter Verträge durch die Dänen und ihre äußerst knappe Annahme durch die Franzosen, vor allem aber die im Vorfeld ausgetragenen heftigen Kontroversen sorgen für Publizität und schwierige Zeiten.

Und nun kommt Walter Laqueur, der renommierte Historiker aus London und Washington und Autor einiger Bücher zum Thema, mit einer Erfolgsstory. Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, so der Titel seines jüngsten Buches, ist die Geschichte seines unaufhaltsamen Aufstieges zur „Weltmacht“. Der Leser reibt sich die Augen: Hat sich nicht die Politik der Europäer in den schweren Krisen und Kriegen am Persischen Golf und in Jugoslawien gerade durch ihre Unfähigkeit zu überzeugender Gemeinsamkeit ausgezeichnet? Gibt es da nicht seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, die im wesentlichen ergebnislose Diskussion um eine europäische Armee beziehungsweise Eingreiftruppe?

Laqueur widerspricht all dem nicht, im Gegenteil. Auch in seinen Augen stehen „nationale Interessen und Traditionen“ einer Integration auf den Feldern der Außen- und Verteidigungspolitik entgegen: „Europa scheint noch nicht gerüstet für die Bewältigung von Krisen, bei denen mehr als nur der Einsatz wirtschaftlicher Machtmittel gefordert ist.“ Aber das steht im Nachwort und ist nicht das eigentliche Thema des Buches, das sich im übrigen im amerikanischen Original mit dem zutreffenderen Titel „Europe in Our Time“ begnügt.

Um eine Geschichte der europäischen Integration handelt es sich hier nämlich nicht, auch wenn Titel, Klappentext und Umschlaggestaltung der deutschen Ausgabe das suggerieren mögen. Die EG kommt allenfalls als statistische Größe vor. Das liegt an der ja keineswegs abwegigen Einschätzung des Autors, wonach ihre „eigentlich epochemachende Leistung“ in der schrittweisen Errichtung des gemeinsamen Marktes zu sehen sei, und die läßt sich eben gut bilanzieren. Von der EVG oder der WEU kann man das nicht sagen, sie werden folglich gar nicht oder allenfalls am Rande erwähnt. Vergleichbares gilt im übrigen auch für die KSZE, an deren herausragender Bedeutung für die politische Entwicklung Europas in den siebziger und achtziger Jahren kein Zweifel besteht. Bei Laqueur kommt sie nicht vor.

Das hat mit der Anlage seiner Darstellung zu tun, die eigentlich keine historische im klassischen Sinne ist. Diesen Anspruch, würde er denn vom Autor erhoben, könnte allenfalls das erste, wohl zugleich beste Kapitel einlösen, das einen vorzüglichen Einblick in die allgemeine Lage des Kontinents und seiner einzelnen Länder in der unmittelbaren Nachkriegszeit vermittelt. Von besonderem Interesse ist hier im übrigen die kenntnisreiche Beschreibung der linkssozialistischen und kommunistischen Bewegungen im westlichen Europa und ihrer Aktionen und Aktivitäten von den Verstaatlichungen etwa in Großbritannien über die großen Streiks in Frankreich oder Italien bis hin zum Bürgerkrieg in Griechenland. So umfassend und zugleich knapp wird man diese Ereignisse kaum an anderem Ort nachlesen können.