Was in Wien theaterpolitisch passiert oder nicht passiert, langweilt mich zutiefst. Seit sechs Jahren hat sich hier absolut nichts geändert... Es ist geradezu katastrophal, was zum Beispiel an der Wiener Staatsoper mit Ursel und Karl-Ernst-Herrmanns „Entführung aus dem Serail“ passiert ist. Würdelos. So stellen die hier sich das vor: Das Kosten-Argument wird vorgeschoben, um klammheimlich die Inhalte verschwinden zu lassen. Das ist hier überall gleich. Einer der Ensemblevertreter des Burgtheaters, der nach Peymanns Vertragsverlängerung zurückgetreten ist, der Herr Heltau, also das muß ich mal sagen, der hat ja ein Brett vor dem Kopf: Öffentlich zu sagen, es würde am Theater zuviel Geld ausgegeben ... Ich kann nur immer wieder rausschreien: Es wird zuwenig Geld ausgegeben für Kultur! Und das sagt ein Ensemblesprecher – da dreht sich mir der Magen um.

Der Schauspieler Ignaz Kirchner in dem Buch von Wolf gang Reiter: „Wiener Theatergespräche“ (Falter-Verlag, Wien).

Hausmeister – nie!

Was in Stuttgart theaterpolitisch passiert, langweilt ganz und gar nicht. Es wurde zuviel Geld ausgegeben am Theater, jahrelang. Die Stuttgarter Oper soll 1988 1 832 000 Mark für die Ausstattung ausgegeben haben – und nur schlappe 850 000 hätte sie ausgeben dürfen. Schon vor Wochen soll der Staatsanwalt die Büros von Generalintendant Gönnenwein durchsucht haben. Soweit die Fakten. Zu entnehmen dem Spiegel vom letzten Montag, in dem bekanntlich immer nur die Wahrheit steht. Zum Beispiel die Wahrheit über den Aufstand niederer Stuttgarter Theaterangestellter wider die Verschwendungssucht ihres obersten Chefs: „Vergangene Woche sprang der Ludwigsburger Theater-Hausmeister Gerhard Ernst während des ersten Aktes einer Macbeth-Aufführung auf die Bühne und zieh den anwesenden Intendanten lautstark der Verschwendung: ‚Gönnenwein hat sich was gegönnt‘, ließ der Pedell das Publikum wissen, ‚wo sind die Gelder hingeflossen?‘“ – Soweit der Spiegel. Nun die Fakten: Die Macbeth-Aufführung war ein Gastspiel von Claus Peymanns Wiener Burgtheater-Inszenierung. In Shakespeares Stück gibt es in der sogenannten „Pförtnerszene“ seit Shakespeares Zeiten Platz für Improvisationen und aktuellen Text. Peter Turrini hat ihn geschrieben. Der „Ludwigsburger Theater-Hausmeister“ war der Burgschauspieler Gerhard Ernst, seines Schauspieleramtes waltend. Was hat der Spiegel falsch gemacht? Hätte er das Programmheft zur Aufführung lesen müssen? Nein. Aber folgendes hätte er sehr wohl wissen können: Ein deutscher Theater-Hausmeister springt nicht auf Bühnen. Wenn ein deutscher Theater-Hausmeister doch auf Bühnen springt, dann höchstens, um Schauspielern verbotene Zigaretten wegzunehmen. Vor allem aber: Ein deutscher Theater-Hausmeister macht keine Witze über seinen obersten Chef. Nie! Nie! Nie! Nie!

Lust-Quartier

Nicht immer, lieber Leser, können wir Dir in dieser Spalte Freude bereiten. Heut’ aber sei’s. In Heidelberg hat es gekracht – und deshalb können sich Leser in aller Welt freuen. Wie das? Heide und Thomas Hatry betreiben in der Stadt am Neckar ein Antiquariat. Nein, sie lieben alte Bücher. Auch das stimmt nicht: Sie sind in Literatur vernarrte Leser und Forscher, die sich, um etwas zum Beißen zu haben, auch mal von alten Büchern trennen. Zum 350. Geburtstag des fast vergessenen Poeten aus Zittau, Christian Weise, der als Professor der Eloquenz neben Romanen und Traktaten locker 61 Dramen verfaßt hat, gab es im Frühjahr in Heidelberg ein Fest, auf dem Theatermusiken zu Weises Stücken von Johann Krieger und Moritz Edelmann gespielt wurden, auf Originalinstrumenten, versteht sich. Krönung der Feier sollte die Präsentation des neuen Katalogs sein: „Deutsche Literatur der Barockzeit“. Aber es hatte „Krach“ mit dem Setzer gegeben, und so erscheint das wundersame Buch im Großformat mit vielen (auch fehlenden) Bildern, Auslassungen und Rechtschreibefehlern, etliche hundert Seiten stark, erst jetzt, zum Geschenkpreis von 20 Mark. Die sind gut angelegt. Man erhält einen (trotz der Mängel) vorzüglich gearbeiteten Katalog, ein herrliches Lesebuch barocker Poesie und eine pointiert geschriebene Literaturgeschichte – kurzum: Ein „Lust-Quartier“ (so lautet einer der Titel) tut sich auf, eine „Lustige Studir-Stube“. Die Köstlichkeit wird „der heißhungrigen Welt auf die taffei des öffentlichen Drucks vorgesezt und aufgetragen“ vom Antiquariat Hatry, Plöck 93 a, 6900 Heidelberg.