Marx und Dada in der Steilwand

von Michael Kohtes

Von Michael Kohtes

Auf dem berühmten Max-Ernst-Gemälde „Das Rendez-vous der Freunde“ taucht er als Nummer „14“ auf: Mit mächtigern Spreizschritt, die Arme wie ein Jiu-Jitsu-Kämpfer vor dem Körper, stürmt er durch die prominente Schar der Pariser Surrealisten. Halb ungestümer Jüngling, halb brav frisiertes Kerlchen, bringt Baargeld Tumult ins Gruppenbild und seinen Betrachter auf den Trichter, daß dies 1922 kein Zufall sein konnte.

Wer Parallelen sucht, der findet sie. In Bewegung war er sein kurzes Leben lang, und so wie er am 9. Oktober 1892 als Alfred Ferdinand Gruenwald in einem vornehmen Stadtteil von Stettin zur Welt kam, so verließ er sie auch wieder – kopfüber und in einem Rutsch. Dazwischen lief er, unter dem Neck- und Decknamen Johannes Theodor Baargeld, in Köln zu dadaistischer Hochform auf, tanzte elegant aus der Reihe und schnitt Grimassen noch im freien Fall. Überzeugt von seinen ungewöhnlichen Qualitäten, kürte er sich selbst zum „Zentrodada“, bestätigte damit aber lediglich, was Max Ernst im Februar 1920 dem Pariser Dada-Chef Tristan Tzara übermittelte: „Außer mir gibt es hier in Köln nur einen wahren Präsidenten, das ist Baargeld.“ Als Sohn des Generaldirektors der Kölnischen Rückversicherungs-Gesellschaft war Baargelds Ernennung zum „Präsidenten“ schon aus rein praktischen Erwägungen sinnvoll – ohne Baargelds Spendierhosen nämlich hätte es eine Kölner Dada-Dependance, die belegtermaßen vom Spätsommer 1919 bis zum legendären „Sängerkrieg“ in den Tiroler Alpen 1921 existierte, vermutlich nie gegeben.

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Dadas Intermezzo in der Domstadt beflügelte indes keineswegs nur die finanziellen Möglichkeiten des Direktorensprößlings, sondern weit wirkungsvoller noch sein schöpferisches Talent. Baargeld war der wandelnde Beweis, daß es keiner kunstakademischen Kraftakte bedurfte, um schon zu Lebzeiten in den Dadahimmel aufzusteigen. Collage-Künstler, Promotor und Wortakrobat in einem, trieb er seinen Universaldilettantismus zur Vollkommenheit und das Kölner Dada-Unternehmen zu rasanten Aktivitäten: Ausstellungen, Publikationen, lancierte Falschmeldungen in der Presse, spontane Störaktionen auf dem Theater – nie zügelloser als das Leben selbst, aber partout und permanent nach der Maxime: „jedermann der clown des andern“.

Dada“, definierte Hans Arp die 1916 in Zürich virulent gewordene Bewegung, „Dada ist der Ekel vor der albernen verstandesmäßigen Erklärung der Welt.“ Zumal in Köln, wo „der insgesamte Augustin“ (Arp über Arp) nach dem Krieg des öfteren seinen Vater besuchte, hatte man das auf Anhieb verstanden. Analog zu den Dada-Filialen in Berlin, Paris und anderswo wurde die rheinische Schunkelmetropole zur „Dada-Zentrale W/3“ erklärt. („W“ stand für „West-Stupidien“.) Das Dreigestirn aus dem närrischen Nichts, Baargeld, Ernst und Arp, hegte weitreichende Pläne: Militarismus, Spießertum und öffentlichen Stumpfsinn ganzjährig der Lächerlichkeit preiszugeben und mit allem, was man bisher für Kunst gehalten hatte, rapide Schlitten zu fahren. In einem „Bulletin D“ genannten Katalog zur ersten Dada-Schau im Kölnischen Kunstverein verkündet Baargeld 1919: „Cézanne ist chewinggum.“ Und: „Van Gogh roch aus dem Mund und ist tot. Eljen dada!“ Die radikale Absage ans konventionelle Bildermalen beglaubigten im Umkreis der Heiligen Drei Könige noch nie gesehene Materialcollagen, aber auch zu Kunstobjekten deklarierte Fundstücke wie Kieselsteine und Regenschirme. Überdies waren die Werke von Geisteskranken, Sonntagsmalern und Abc-Schützen zu bewundern. Das Publikum rief nach dem Klapsdoktor, die britischen Besatzungsbehörden konfiszierten den Katalog, der Zentrodada aber’sprach die ominösen Worte: „Wer gegen den Wind spuckt, besudelt die eigene Mathilde.“

Johannes Theodor Baargeld, der sich 1914 noch freiwillig an die Front gemeldet hatte, um als überzeugter Pazifist zurückzukehren, war Dadaist genug, auch realpolitisch mitzumischen. Als aktives Mitglied der marxistisch orientierten USPD trat er auf Parteiversammlungen auf, gab die linkssatirische Wochenschrift Der Ventilator heraus und feuerte zum Entsetzen seiner Eltern den revolutionären Sturm auf die eigene Klasse an. Marx und Dada – das war für den Bummelstudenten der Volkswirtschaft nicht die Faust aufs Auge, sondern Zwittertheorie: Wer die Bourgeoisie hinwegfegen wollte, der durfte ihren Musenbetrieb nicht schonen. Was er den Kölner Genossen prompt in praxi demonstrierte: Bei der Vernissage einer W/3-Ausstellung im Brauhaus Winter wurden die Besucher aufgefordert, mittels bereitgestellter Axt eine Arbeit von Max Ernst kurz und klein zu schlagen. Zuvor aber hatte man obszönen Gedichten zu lauschen, die ein kleines Mädchen im Kommunionskleid vortrug. Danach (und wie erwartet) erwies sich die Idee mit dem Hackebeil als genuiner Volltreffer. Dies um so mehr, als die zertrümmerten Werke „regelmäßig durch neue ersetzt wurden“ (Max Ernst). Anderntags wieder große Resonanz bei Polizei und Presse: vorübergehende Schließung der Schau und wilde Gerüchte („Werbetrick eines Homosexuellen-Bordells“). Scharfsinniger Kommentar vom Zentrodada: „Die bekannte deutsche Keuschheit duftet eben noch immer wie ein antikes Präservativ.“ Und: „Die axt im haus ersetzt den bräutigam.“

Die Unabhängigen Sozialdemokraten seines Bezirks delegierten Baargeld zum Parteitag nach Leipzig; als Parodist der Weltgeschichte fuhr er zur Internationalen Dada-Messe nach Berlin – Alltag eines rasenden Sozialdadaisten um 1920. Und privat? „Die liebe auf dem zweirad ist die wahre nächstenliebe.“ Aber da war er schon wieder auf dem Absprung. Nach seiner Teilnahme am „Sängerkrieg“ in Tirol, einem Antikunst- und Trinkgelage Kölner und Pariser Dadaisten (die Pariser vertreten durch Tzara, André Breton, Gala und Paul Éluard), konnte Baargeld seinen „sattel nicht mehr sättigen“. Er, der da zum gefeierten Favoriten des Grand Prix des Éclats avancieren sollte, ließ die Avantgarde einfach hinter sich und brannte mit Dada in die Berge durch ...

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