Von Ulrich Schnabel

Trends und Moden gibt es nicht nur in der Bekleidungsbranche; auch die Wissenschaft erlebt den Wechsel der öffentlichen Meinung. Wer spricht zum Beispiel heute noch vom Sauren Regen? Von dieser Front gibt es derzeit keine schlagzeilenträchtigen Erkenntnisse, die Aufmerksamkeit gilt anderen Umweltthemen. Ähnlich mußten auch Gewässerforscher denken, die sich vergangene Woche in Berlin zur Dahlem-Konferenz über Süßwasser-Versauerung zusammenfanden. Manche haben sich inzwischen schon anderen Forschungsgebieten zugewandt, andere beklagten das Schwinden der Forschungsgelder. Dabei ist der Gesundheitszustand vieler Gewässer nach wie vor ernst.

Was die Versauerung angeht, gibt es zwei wesentliche neue Entwicklungen. Die gute zuerst: In den Industrieländern ist ein Rückgang der Schwefeldioxidemissionen (S0 2) beobachtbar, die bisher stark zum Sauren Regen beitrugen. Die internationalen Vereinbarungen (so lückenhaft und unzureichend diese auch noch sind) zeigen doch Wirkung. In der Bundesrepublik, die sich zusammen mit Schweden und Österreich verpflichtet hat, ihren SO2-Ausstoß am meisten zu reduzieren, ist im Westen ein Rückgang der Schwefelsäurebildner um fünfzig bis sechzig Prozent meßbar. Beispiele aus verschiedenen Ländern zeigen, daß sich diese Verbesserung – mit einiger Verzögerung – auch direkt auf die Wasserqualität auswirkt.

Die schlechte Nachricht: Der Anteil der stickstoffhaltigen Luftschadstoffe hat zugenommen. Kraftfahrzeuge pusten trotz Katalysator mehr Stickoxide (NO x) in die Luft als je zuvor, und statt der Schwefelsäure (H2SO4) trägt jetzt vermehrt die Salpetersäure (HN0 3) zum Sauren Regen bei. Insgesamt ergibt sich damit für die Gewässer eine fast gleichbleibende Belastung. Eine von der europäischen Wirtschaftskommission der Uno erstellte Karte zeigt, daß die Säurebelastungen vor allem in Mittel- und Osteuropa noch zu hoch liegen, um Wald und Gewässer langfristig vor Schäden zu bewahren. Die Auswirkungen der Schadstoffemissionen auf Seen und Fließgewässer sind in ihren Grundzügen seit den siebziger Jahren bekannt: Der pH-Wert, der den Säuregrad angibt und für neutrales Wasser 7 beträgt, sinkt in Richtung essigsauer; aus dem Boden werden Pflanzennährstoffe wie Kalzium und Magnesium ausgewaschen, aber auch Schwermetalle und giftige Aluminium-Ionen gelöst. Vor allem letztere haben sich als tödlich für viele Fischarten erwiesen. Besonders hart waren die traditionell seenreichen Länder wie Schweden oder Kanada von der Säurefracht betroffen – das Schlagwort von den „toten Seen“ ging um die Welt.

Was ist inzwischen geschehen? Am radikalsten haben die Schweden reagiert: Seit einigen Jahren werden regelmäßig rund 6000 Seen gekalkt, um die Säurefracht abzupuffern. Wie Hans Hultberg vom Schwedischen Umweltforschungszentrum in Göteborg auf der Berliner Dahlem-Konferenz berichtete, kippen die Schweden jedes Jahr etwa 100 000 Tonnen Kalk von Helikoptern und von Flößen aus in ihre Gewässer. Die Ergebnisse seien gut, meint Hultberg, zumindest was den Fischfang angehe: Der Lachsfang sei um mehr als das Zwanzigfache angestiegen, und mit einiger Verzögerung fänden sich auch Klein- und Kleinstlebewesen wieder ein. Beim Studium dieser Regenerationsvorgänge kommt den schwedischen Wissenschaftlern allerdings die naturliebende Bevölkerung in die Quere: Eimerweise würden die angelbegeisterten Schweden Wasser von einem See zum anderen tragen, um die Artenvielfalt in zuvor sauren Gewässern wieder zu erhöhen.

Zurückhaltender bei der Kalkung sind die Norweger. Da sich das Wasser in vielen norwegischen Seen schneller austausche als in Schweden, muß man die aufwendige Prozedur alle paar Monate wiederholen. Zudem sind norwegische Gewässer oft schwer zugänglich, so daß das Kalkpulver nur per Flugzeug verteilt werden kann. In Deutschland dagegen werden zwar keine Gewässer, aber seit etwa fünf Jahren großflächig Waldgebiete gekalkt, die unter Saurem Regen leiden. Sechzehn Tonnen Kalk pro Jahr und Hektar werden zum Beispiel im Harz ausgebracht. Über den Umweg Waldboden wirkt der säurepuffernde Kalk dabei auch auf die Gewässer. Der Biologe Dieter Leßmann beobachtet im Harz einen stetig steigenden pH-Wert, der allerdings auch von den verminderten SO2-Emissionen (mit)verursacht werden kann.

Allmählich entdecken die Forscher allerdings auch unerwünschte Nebenwirkungen der Kalk-Radikalkur. In Berlin wurden dazu aufgelistet: eine Veränderung der Spezies-Zusammensetzung, das Verschwinden empfindlicher Pflanzenarten und eine erstaunlich hohe Aluminiumtoxizität an Stellen, wo gekalktes und noch saures Wasser zusammenfließen. Der bayerische Bodenkundler Karl Kreutzer stellte im Versuchsgebiet Höglwald fest, daß durch die Kalkzugabe Schwermetalle wie Kupfer, Blei und Eisen aus der Humusschicht mobilisiert wurden. Zwar werden diese Effekte noch nicht genau verstanden, aber Vorsicht scheint geboten. Als Allheilmittel taugt der Kalk nicht.