Von Marcia Pally

Zu einem Abendessen in Manhattan gehören stets Ziegenkäse, sonnengetrocknete Tomaten und Testosteron. Dies ist eine Vorwarnung für alle, die einmal in New York essen gehen möchten. Der Ziegenkäse und die eingelegten Tomaten sind seit ungefähr zehn Jahren zwingend vorgeschrieben. Damals entdeckte man in Yuppiekreisen die italienische Küche oder was man dafür hielt; mittlerweile teilt sie das Schicksal des Dollars und ist zum Wegwerfen billig.

Das Männerhormon Testosteron kommt ins Spiel, weil bei New Yorker Tischgesprächen Aggressivität verlangt ist. Rezession, Präsidentschaftswahl, die Frage, wie man am besten mit Kellnern umgeht, und die Obdachlosen sind als Themen gleich willkommen. Sicher ist nur: Wenn einem die Unterhaltung nicht auf den Magen schlägt, hat man in New York nicht richtig gegessen.

Auch Testosteron selbst kann ein Gesprächsgegenstand sein, wie meine Freundin Jane in einem Restaurant an der Lower Fifth Avenue vorführte. Der Lachs, den ich dort bestellen wollte, sah sich laut Speisekarte von einer Garnitur Ziegenkäse bedroht, weshalb ich freundlich fragte, ob es möglich sei, den Ziegenkäse wegzulassen. Aus unerfindlichen Gründen ging das nicht. Prompt beharrte unser Freund Christopher darauf, ich sei, da ich schließlich auf Salat auswich, nicht beharrlich genüg gewesen. Worauf Jane ihm Pfeffer gab: Der ganze Ärger mit New York komme daher, sagte sie, daß viel zuviel vom Testosteronspiegel abhänge. Warum müsse man erst unangenehm werden, nur um den Lachs nackt und ohne alles zu bekommen? Aggression ruiniere unser Leben, behauptete sie, „nehmt nur mal den Fall Clarence Thomas und all die Gerichtsaffären in letzter Zeit“. So begann das Essen.

Janes Sprung vom Lachs auf den Richter Thomas gilt in New York als gelungener Kunstgriff. Robert, der mit uns am Tisch saß, sagte, es sei ein Gütezeichen, Sätzen folgen zu können, die beispielsweise mit k. d. lang, der Sängerin, begännen und mit den Romanows endeten. Er jedenfalls beurteilt die Persönlichkeit anderer Leute danach. Die Psycholinguisten in New York nennen diese Sprünge laterales Denken. Früher hießen sie einfach wirres Gefasel. Als Kunst gilt auch das „kooperative Überlappen“, das untrennbar zum testosteronen Lebenswandel gehört; früher nannte man es „jemandem ins Wort fallen“.

Christopher unterbrach Janes Darlegungen zur Strafjustiz und legte sich für die Todesstrafe ins Zeug. Sie sollte häufiger angewandt werden, sagte er, weil sie billiger sei als der Unterhalt von Gefängnissen und weil die Gesellschaft ein Recht auf Rache habe. Chris ist schwul und im Süden aufgewachsen; in Manhattan finden sich immer mehr von ihnen. (Bei der letzten Homosexuellen-Demonstration bildeten sie eine eigene Gruppe, hinter einem Transparent „Schwule aus dem Süden in New York“). All das Theatralische an Christopher, das seine sexuellen Gewohnheiten noch nicht bedingen, wird jedenfalls vom Hang des Südens zum Düster-Abwegigen genährt. Rache gefällt Chris.

Nicht aber Jane. Sie war entsetzt, was bedeutet: Das Essen verlief, wie es sollte. Jane nahm ihren Löffel und begann, auf den Tisch einzudreschen. „Zuviel Testosteron – da habt ihr es wieder. Rache ist ein persönlicher Gefühlsausbruch, etwas total Privates“ – rums, rums, rums – „und sie ist keine Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft und überhaupt absolut indiskutabel.“ Als Jane diese pazifistische Haltung rübergebracht hatte, legte sie eine kleine Pause ein, was ein Fehler war, denn prompt wurde sie von Ellen kooperativ überlappt: „Was haltet ihr vom Sexualunterricht in der Schule?“ fragte sie (ein ganz simpler Sprung, lateral vom Testosteron weggedacht und bestens geeignet, Aggression zu bewahren).