Von Beate Schimmelpfennig

I n dem langen, geräumigen Altbauflur der Arztpraxis hängt ein selbstgeschriebenes Plakat. Unauffällig. Zu unauffällig, als daß es jemand läse: „Liebe Patienten, wir haben festgestellt, daß viele von euch über die besondere Art der Zusammenarbeit in unserer Praxis nicht informiert sind ...“ Fast alle hasten achtlos an der Selbstdarstellung des Praxisteams vorbei in das Wartezimmer und würdigen nicht den beiläufigen Satz: „Zu unserem Selbstverständnis gehört es, uns allen den gleichen Stundenlohn auszuzahlen.“

Die Praxis in Berlin-Kreuzberg ist eine von vier sogenannten Gruppenpraxen in Deutschland. Sonst nur noch in München, Bielefeld und Heidelberg gibt es diese Praxisform, die mit den Regeln gewohnter Gesundheitsversorgung entschlossen bricht. Die auffälligsten Merkmale der Gruppenpraxen: Unter den Mitarbeitern gibt es keine Hierarchie, auch nicht in der Rangfolge der Gehälter. Es arbeiten stets mehrere Berufsgruppen unter einem Dach: Sozialarbeiter und Pädagogen, aber auch Fachärzte, Arzthelfer, medizinisch-technische Assistenten und Psychotherapeuten. Sie alle versuchen, das soziale Umfeld der Patienten zu berücksichtigen, und verzichten weitgehend auf teure Apparate.

Als Felicitas Rittweger in das Wartezimmer der Praxis tritt, erntet sie kaum Aufmerksamkeit. In ihrem roten Sweatshirt und den dunklen Stoffhosen unterscheidet sie sich äußerlich nicht von der Handvoll Wartenden, die sich in die alternative tageszeitung vertieft haben oder die Fische im Aquarium fixieren. Die Augen aller heben sich erst, als Felicitas Rittweger mit ruhiger Stimme ihre nächste Patientin aufruft. Im Sprechzimmer dann werden sich Ärztin und Patientin an einen runden, kleinen Holztisch setzen.

Felicitas Rittweger ist 38 Jahre alt und promovierte Internistin. Seit drei Jahren arbeitet sie in der Gruppenpraxis in Berlins Alternativbezirk: daß nicht eine Arzthelferin, sondern sie selbst die Patienten ins Behandlungszimmer holt, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. In dem Krankenhaus, in dem sie früher angestellt gewesen war, sei eine solch kollegiale Arbeit mit den Schwestern nur schwer möglich gewesen, erzählt die Ärztin. Nach acht Jahren sei ihr die Krankenhaushierarchie unerträglich geworden. „Da wird man als erwachsener Mensch vom Chefarzt wie ein zwölfjähriges Kind behandelt – und das nach sechs Jahren Berufserfahrung“, sagt Felicitas Rittweger immer noch fassungslos.

Die Erfahrung der Internistin ist kein Einzelfall. Teamorientiertes Arbeiten und Kollegialität seien im Gesundheitsbereich selten zu finden, bestätigt der Präsident der Berliner Ärztekammer, Ellis Huber: In den Krankenhäusern herrschten „feudale Herrschaftsstrukturen mit dem Fürsten an der Spitze und den Vasallen in der Belegschaft“.

Felicitas Rittweger also kündigte ihren Krankenhausjob und bewarb sich bei der Alternativpraxis im Kreuzberger Kiez. Die ungewöhnlichen Auswahlkriterien dort erfüllte sie: „Man muß allen sympathisch sein, das ist die wichtigste Aufnahmebedingung.“ Da hat die Arzthelferin Gudrun Döring in der Praxis dasselbe Mitspracherecht wie die Ärzte. „Wer die Gruppe nur als lästige Begleiterscheinung ansieht, wird sich bei uns nicht wohlfühlen“, sagt Felicitas Rittweger.