Von Isolde von Mersi

Der ungewöhnliche Rundbau mit seinem Schuppenkleid aus Schindeln gibt dem Betrachter Rätsel auf. Jeder Blickwinkel provoziert neue Assoziationen und einen neuen Irrweg: Ist es ein Silo? Ein überdimensionierter Kamin? Ein Aussichtsturm? In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um eine Kapelle beim Weiler Sogn Benedegt in Graubünden.

Für dieses eigenwillige Kirchlein hat der Schweizer Architekt Peter Zumthor kürzlich einen Preis erhalten. Die Auszeichnung wurde erstmals von und in dem Südtiroler Bergdorf Sexten anläßlich einer Ausstellung verliehen, die dem Thema „Neues Bauen in den Alpen“ gewidmet war.

Architekten aus Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz hatten für den Wettbewerb mehr als 120 Projekte eingereicht, die in den Jahren von 1985 bis 1992 entstanden sind. Neben der Kapelle fanden zwölf weitere, zwischen Aosta und dem Salzburger Land beheimatete Objekte besondere Anerkennung. Die prämiierten Bauten, die auch in einem Bildband dokumentiert sind, zeigen eindrucksvoll, wie sich zeitgenössische Architektur im Alpenraum frei von Klischees und Konventionen entfalten kann, dabei aber auf das Umfeld regionaler Tradition und Landschaftsstrukturen bezogen bleibt. Die Jury traf eine ziemlich puristische, dabei aber keineswegs exzentrische Wahl.

Dazu gehören unter anderem das Hotel „Vier Jahreszeiten“ im Tiroler Pitztal mit seinen Loggien und Glasveranden, der elegante Fachwerksteg über die Simmet, einen Fluß durch das Dorf Wimmis im Kanton Bern, oder die Funkübertragungsstelle am Brauneck in Bayern. Alle Bauwerke spiegeln einen sachlichen, fast kühlen Geist, dessen Spielfreude sich meist erst auf den zweiten Blick oder überhaupt nur im Innern der Gebäude zu erkennen gibt.

Die Kapelle Sogn Benedegt mit ihrem Schiff voll magischem Silberlicht ist Sinn- und Vorbild für eine Architektur im Gebirge, die allen regionalen Besonderheiten zum Trotz verbindlich und unverfälscht das Wesen von Land und Leuten trifft. Und die sind längst nicht so „liab“, wie die ungezählten Banken, Hotels oder Supermärkte in der Bauernhausattrappe uns weismachen wollen.

Baugelände in den Alpen ist schroff und knapp. Die introvertierten Gebirgler sind es nicht minder. Das bedeutet: Die Häuser brauchen mehr Aus- als Einblicke, die Fassaden müssen mehr schützen als repräsentieren. Bis vor ungefähr fünfzig Jahren hat vom Kleinhäusler bis zum Großbürger noch jeder diesem Charakter gemäß gebaut.