Von Manfred Sack

Unten in der Stadt am Landungsplatz, wo die Bodenseeschiffe anlegen und die Überland-Omnibusse Station in Überlingen mache sagt der Fahrer des Taxis, das dort wartet: Doch, doch, es lohne sich zu fahren, zu Fuß käme schon eine halbe Stunde heraus. Also fahren wir, lassen die Stadt hinter uns, biegen in den Hügeln oben in ein Industriegebiet ein, das so aussieht, wie Industriegebiete aussehen, dann bremst der Fahrer und sagt, das müsse es sein, das neue Naturata-Haus, es sehe ganz danach aus.

Das Bauwerk, das in diesen Wochen hier eröffnet und von Neugierigen und Sympathisanten mit staunenden, heiteren Mienen in Besitz genommen wurde, gehört in die Kategorie der „organischen Architektur“. Es beherbergt einen Naturkostladen, bietet aber auch „andere schöne Sachen“ feil, einschlägige Bücher zum Beispiel, Papier, Spielzeug, empfiehlt ein kleines, anspruchsvoll geführtes Restaurant und bietet im hohen Dach Logis in sechs Doppelzimmern. Nicht weit entfernt steht die Waldorfschule der Stadt, ein großer, leicht gebogener Bau, das mächtige Dach ausdrucksvoll geschwungen, die Hoffront schöner als die durch Zubauten verdorbene Außenfront. Und dort, wo der Naturkostladen vorher stand, in einer alten Baracke, wird eine anthroposophische Sonderschule errichtet werden.

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„Organische Architektur“ sei, wie sich das „Lexikon der Weltarchitektur“ eingesteht, „eher ein facettenreich schillerndes Phänomen als eine elaborierte Theorie“ und werde infolgedessen „für ein heterogenes Spektrum von Konzepten und Bauwerken in Anspruch genommen“. Sie entstand zu Beginn der Moderne und suchte, auf der expressionistischen Welle schwimmend, nach einer Alternative zur (klassischen) „unnatürlichen“ Rechteckigkeit und fand dafür unregelmäßige, „natürlich“ sich krümmende, wölbende Formen.

Für den prägnantesten Apologeten des Neuen Bauens, Hugo Häring, war die Gotik der Tip, der ihn zu den „Organstrukturen“ führte, zum „Organbau“, sichtbar in den „kraftlinien, die das gerecht des baues durchziehen“. Nämlich: „die Säulen werden zu diensten, die sich (aus ihr heraus) verzweigen, die steinsäule kehrt zum bäum zurück, von dem sie abstammt.“ Diese „geschehensweit der lebenwirkenden energien“ sei im Expressionismus inkarniert: Das Schaffen kehre wieder „zur expressiven art zurück, nachdem es die gestaltwelt der geometrie durchschritten hat“. Und Hermann Finsterlin schrieb: „Nur wenn wir den Raum um uns als Organismus empfinden wollen, können wir optimale Architektur entwerfen.“

Bei Imre Makovecz, dem berühmtesten und gemeinhin von schwärmerischer Bewunderung umgebenen Organiker Ungarns, liest sich das so: „Die organische Architektur will ein Lebewesen sein. Sein Modell nimmt es aus der Lebenswelt. Die Grundlage seiner Formen ist die Theorie der Metamorphose ... Die organische Architektur ist die Architektur der Freiheit.“ Freilich kann man auch sagen: eine der Willkür, und immer eine der Weltanschauung. Imre Makovecz, der als Vorbilder nicht Häring oder Finsterlin nennt, sondern Frank Lloyd Wright und Antoni Gaudí, ist ein ausgeprägter Anhänger der Anthroposophie.