Wenn der mal weiß schimmernde, sich oft verdunkelnde, jetzt sandfarben leuchtende, dann giftgrün drohende Bühnenkasten für John Neumeiers neues Ballett, „A Cinderella Story“, in der Hamburgischen Staatsoper am Ende in tiefem Blau erstrahlt, sind wir bereit, Gottfried Benns „Blaue Stunde“ zu träumen: „Ich trete in die dunkelblaue Stunde .. ., und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.“

O doch, sie war. Sie ist, in Gestalt der beiden strahlenden Aschenputtel-Tänzerinnen dieses so innigen wie modern grotesken Märchenballetts, Gigi Hyatt und Bettina Beckmann, gleich doppelt. Ein blaues Wunder: John Neumeier hat als Choreograph, als Erzähler in Figuren, Schrittkombinationen, Gesten der Arme schon lange nicht mehr so entspannt gearbeitet wie für die dunkelhelle Geschichte der Brüder Grimm, die der zweiundfünfzigjährige Sergej Prokofjew in den düstersten Stunden des Zweiten Weltkrieges als Opus 87 komponiert und am 21. November 1946 in Moskau uraufgeführt hat,

Bodenhaftung durch eine konkrete Geschichte, durch eine Erzählung von liebenden, also leidenden Menschen tut dem geradezu deutsch vergrübelten Träumer aus Amerika immer gut, ja sie scheint notwendig, wenn ihm das große Kunstwerk gelingen soll. Weder als Entertainer aus den Staaten („Shall we dance?“, „Westside-Story“, „On the Town“) noch als Andachts-Apostel gedankenschwer religiöser Tanz-Exerzitien („Matthäus-Passion“, „Magnificat“, Mozarts „Requiem“, im Verschnitt mit gregorianischen Chorälen) oder als abstrakt arbeitender Choreograph (Mahler-Symphonien) hat Neumeier (mich) wirklich überzeugt.

Doch wenn er sich einläßt auf das kleine große Liebes-Trauer-Spiel von Othello und Desdemona! Doch wenn er sich in das in fast allen Sprachen und Kulturkreisen erzählte Märchen-Drama vom Aschenbrödel versenkt und es erzählt als aufregende Geschichte der Selbstfindung einer jungen Frau, als schmerzliche Fabel der Selbstbefreiung einer Tochter vom Vater, als Erweckung einer Kindfrau zur Mutter!

Frech, witzig, grotesk, parodistisch, absurd, traurig-lustig, verspielt: Zwei Stunden lang fallen einem Wörter ein, die wie ein Sakrileg klingen zu der oft feierlich steifen Grübel-Kunst dieses Choreographen. Dabei stand die Uraufführung unter keinem guten Stern: Die Tänzer-Darstellerin, für die Neumeier das Tanz-Drama ersonnen hat, Gigi Hyatt, verletzte sich bei den Proben. So schlüpfte am Premierenabend im Mai die für die „B-Premiere“ trainierende Bettina Beckmann in die Tanz-Pantöffelchen, die in diesem Märchen eine so wichtige Rolle spielen. Und weil ein Unstern (Druckerstreik) damals auch über dem Pressehaus der ZEIT stand, konnte eine Bildunterschrift nur in einem kleinen Teil der Ausgabe vom 22. Mai erscheinen. Jetzt hatte „A Cinderella Story“ Premiere in der von Neumeier erträumten Besetzung. Was haben wir jetzt gesehen? Etwas ganz anderes – und doch dasselbe Ballett.

A-Premiere, B-Premiere? Es gehört zu Neumeiers besten Leistungen im Aufbau eines Ensembles, daß solche Unterscheidungen allenfalls für das vom Publikum bedrängte Kartenbüro nötig sind. Im Hamburger Ballett gibt es unter den Ersten Solistinnen keine zweite Wahl.

Gigi Hyatt als das auf blauem Kinderstuhl am Herd hockende Puttelchen? Ein feenhaftes Wesen mit wehendem Goldhaar, ein Kind, das aus dem Märchen kommt, mit großen Augen, und für das eigene Glück zu kämpfen lernt.