Berlin oder Bonn? Mehr als hundert Abgeordnete sprachen in der Bundestagsdebatte am 20. Juni 1991, in der diese Grundsatzentscheidung anstand. Noch mehr Parlamentarier gaben ihre Reden zu Protokoll, um nach einer zwölfstündigen Sitzung die Entscheidung nicht hinauszuzögern. Zu diesen Reden gehörte die Norbert Gansels, dem es, wie anderen, besonders auf das Eingehen auf die neuen gesamtdeutschen Realitäten ankam. Im Kern sagte der SPD-Abgeordnete:

Mehr als vierzig Jahre lang ist Berlin versprochen worden, die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland zu werden. Ich habe dieses Versprechen nie abgegeben, weil ich es nicht für einlösbar hielt. Und ich habe es als Heuchelei empfunden, wenn so oft von so vielen Berlin als zukünftige Hauptstadt Deutschlands beschworen wurde, die doch die Hoffnung auf einen deutschen Gesamtstaat aufgegeben hatten. 1990 hat Deutschland zur Einheit gefunden. Das ist für mich keine Folge unseres unbeirrbaren Glaubens und unserer planmäßigen Politik. Daß zusammenwachsen kann, was zusammengehört, ist die Chance einer glücklichen politischen Konstellation. Die deutsche Einheit ist ein Geschenk. Ein Geschenk zu nutzen, um ein Versprechen einzuhalten, auch wenn es andere gegeben haben, ist aber auch eine glückliche Chance.

Die Einheit wird eine dauernde Aufgabe bleiben. Weil sie so lange dauern wird, weil wir nach der Völker- und staatsrechtlichen Einheit auf dem Weg zur wirtschaftlichen und sozialen und – ich zögere nicht, es so zu nennen – zur seelischen Einheit der Deutschen vorankommen müssen, müssen wir den nächsten großen Schritt wagen und nach Berlin gehen.

Entscheidend ist es, daß eine Verlegung des Bundestages und der Regierungsfunktionen nach Berlin unserer Verpflichtung gegenüber den siebzehn Millionen Deutschen entsprechen würde, denen wir keinen Anschluß, sondern eine Vereinigung versprochen haben. Daß wir uns wirklich als ein Volk fühlen werden, wird nicht nur von Wirtschafts- und Sozialpolitik abhängen. sondern vor allen Dingen davon, wie wir eine gemeinsame politische Kultur und Identität entwickeln. Es ist nun einmal so, daß die übergroße Mehrheit der Menschen im Osten Deutschlands unseren Schritt nach Berlin mit dem Gefühl verbinden würde, daß wir ihnen nicht nur Hilfe „gewähren“, sondern daß wir ihnen entgegenkommen, wir, das Parlament, als Vertreter des ganzen deutschen Volkes.

Wolfgang Schäuble hat in seiner respektablen Rede gesagt: Berlin, das ist die Entscheidung für die Zukunft Deutschlands. Mir ist wichtiger, daß Berlin die Entscheidung für die deutsche Gegenwart ist. Nur in ganz Berlin sind wir mit der anhaltenden Widersprüchlichkeit und Ungleichheit des sich einigenden Deutschland täglich konfrontiert, und zwar in zugespitzter Form.

Wir Parlamentarier brauchen diese Zuspitzung. Wer von uns hat nicht die dicke Haut, die uns im Laufe der Zeit wächst. Berlin wird nie die Behaglichkeit und die Bequemlichkeit für uns haben, die Bonn uns bietet und manchmal auch aufzwingt. Die Floskel von den „Menschen draußen im Lande“ wird in Berlin keiner mehr gebrauchen können. Berlin ist die unbequeme Alternative und für den Bundestag wie für die Regierung deshalb die richtige.

Peter Glotz hat heute morgen gesagt: Bonn, das ist das Symbol für den Neubeginn nach 1945. Es war das Symbol für den Neubeginn. Nach 1945 für uns Westdeutsche, die wir nicht die besseren oder die tüchtigeren Deutschen, sondern die glücklicheren waren. Nun steht Bonn schon für das Alte. Für uns Deutsche, für Westdeutsche und Ostdeutsche, muß Berlin das Symbol für einen neuen gemeinsamen Anfang 1991 sein.

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