Von Elisabeth Niejahr

Die Rettung kam in letzter Minute. Eigentlich hatten die Beschäftigten des Zentrums Mikroelektronik Dresden (ZMD) vom Dienstag dieser Woche nur Schlechtes erwartet: Dann, so hatte die Betriebsleitung errechnet, würden endgültig Fertigungsmaterial und Chemikalien ausgehen. Schon lange hatte der Treuhand-Betrieb kein Geld mehr für Nachschub bekommen, neue Zahlungen aus Berlin waren nicht in Sicht. Statt dessen erwarteten die Beschäftigten das langsame Ende des zu DDR-Zeiten legendären High-Tech-Betriebes, dessen Forscher einst den Ein-Megabit-Chip entwickelt hatten. „Wir haben damit gerechnet, daß am Dienstag hier alles stillsteht“, sagt Bärbel Andersen, die Pressesprecherin des Werkes.

Doch es kam anders. Seit Mitte vergangener Woche ist klar, daß die Maschinen wohl vorerst weiterlaufen werden. Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer kündigte es persönlich vor der Belegschaft an: Siemens, Dresdner Bank und Commerzbank engagieren sich gemeinsam. Bund und Land zahlen zusammen 150 Millionen Mark an die Investoren, um drei Jahre lang Verluste abzudecken. Bis dahin soll der Betrieb so weit saniert sein, daß er Gewinne erwirtschaftet.

Schommer präsentierte die Überraschung einer Branche, für die gute Nachrichten äußerst selten geworden sind. Die ostdeutschen Chipbauer haben einen rigorosen Arbeitsplatzabbau hinter sich. Von ehemals 21 500 Arbeitnehmern haben weniger als 4000 ihren Job behalten. Auch diese Stellen würden wegfallen, wenn es nach betriebswirtschaftlichen Kriterien ginge, denn die drei Chipbetriebe in Erfurt, Dresden und Frankfurt an der Oder schreiben tiefrote Zahlen. Allein die Sachsen erwarten in diesem Jahr bei einem Umsatz von sieben Millionen Mark dreißig bis vierzig Millionen Mark Miese.

Branchenkennern war deshalb klar: Die ehemaligen High-Tech-Renommierbetriebe der DDR würden nur dann eine Chance haben, wenn sie über Jahre hinweg mit staatlichen Mitteln aufgepäppelt würden. Zu solcher Hilfe waren Treuhand und Landespolitiker auch bereit. So kann die Treuhand nun innerhalb kurzer Zeit den zweiten ostdeutschen Halbleiterbetrieb aus ihrer Obhut entlassen. Im September war der kalifornische Chiphersteller LSI Logic beim Halbleiterwerk in Erfurt eingestiegen.

Was genau in Dresden gefertigt werden soll, steht noch nicht fest. Bisher schweigen die Investoren über Einzelheiten ihrer Pläne. Im Grundsatz sei der Einstieg aber beschlossen, beteuern alle Beteiligten. Zumindest 580 ZMD-Arbeiter brauchen demnach vorerst nicht um ihre Jobs zu bangen.

Trotzdem war Anfang dieser Woche die Stimmung bei der Dresdner Belegschaft eher gedämpft. „Natürlich haben wir erst mal aufgeatmet“, sagt der Wartungsmechaniker Uwe Forgber. Aber zum Jubeln sei kaum einem zumute: „Noch sind wir nicht über den Berg. Wir kriegen eine harte Probezeit, und da müssen wir zeigen, was wir können.“