Gegen zwei Uhr in der Früh rief eine Redakteurin des Nachtprogramms an. Nein, ich konnte, ich wollte nichts sagen. Der Wind hing zerrend in den Bäumen, die ganze Nacht. Ich fragte mich, welches wohl das letzte Buch, in dem er gelesen, welche die letzte Zeitung war, in der er geblättert hatte? Und ich fragte mich, ob er die Wiederkehr des großen Ressentiments noch wahrnahm, das er den Deutschen so generös und geduldig auszureden versucht hatte.

Ich dachte an die Anfänge vor vier Jahrzehnten, die sich in der Erinnerung so heiter präsentieren. Waren sie es? Willy Brandt, der junge ’Abgeordnete aus Berlin, der ein Element von Welthaftigkeit und Weite ins kleine Bonn mit seinem engen Netz verklebter Bezüge trug.

Fritz René Allemann, der große Schweizer Journalist, hatte mir den Kreis der unorthodoxen Sozialisten geöffnet, in dem Brandt zu Haus war: unabhängige Geister, sie alle, libertär, tolerant, jeder auf seine Weise von der Konfrontation mit den totalitären Ungeheuerlichkeiten unserer Epoche geprägt, keiner bereit, sich der Zucht der Parteibüttel oder dem Zwang der Dogmen zu beugen.

Das dramatische Glück dieser ersten Jahre nach dem Ende des Krieges: frei zu sein ... In den Gesprächen der Freunde teilte sich die Erfahrung der Welt und der Weite durch eine intellektuelle Vitalität mit, die den deutschen Alltag heller machte. Sie kamen von draußen. Ich kam von drinnen. Manchmal fragten sie, wie es bei mir gewesen sei: unter Pfarrerskindern im „Dritten Reich“, in den Bombennächten, in den Kasernen, bei den chaotischen Untergangskämpfen, in der Gefangenschaft. Ich hörte lieber zu. Sie hatten, dachte ich, eine Idee von Deutschland, auf die sich bauen ließ: links und frei (der Titel des Buches wurde drei Jahrzehnte später formuliert). In passionierten Debatten spannen sie ihre Projekte aus, erzählten, verloren sich in Anekdoten, lachten. Ich sah – jetzt in der Nacht –, wie er sich die Tränen des Lachens aus den Augen wischte.

Brandt blickte wachsam auf, wenn ich mich, so gut ich es konnte, für die Westpolitik des alten Fuchses von Rhöndorf ins Zeug warf. Er wies sie nicht schroff zurück, signalisierte manchmal behutsame Sympathien, gab wohl mit seinem trockenen Witz zu erkennen, daß er sein Europäertum früher und gründlicher, vielleicht auch schmerzhafter gelernt hatte als manche andere, die es nun rasch als Ersatz für den zerbrochenen Nationalismus mobilisierten. Die libertäre Sozialdemokratie Willy Brandts, dachte ich, könnte meine politische Heimat sein, wenn – ja wenn es dieser so kraftvoll--offene Mensch jemals zuwege brächte, die Partei nach seinen Einsichten zu formen. Gelegentlich dämmerte der Morgen, als er sich endlich in ein Taxi setzte und zum Haus der Berliner Vertretung fahren ließ.

Damals schrieb Fritz René Allemann sein Buch „Bonn ist nicht Weimar“. Die ermutigende Formel verlangte, daß sich auch die Sozialdemokratie aus dem Schatten ihrer Geschichte löste – über Kurt Schumacher hinaus, der, in der Furcht vor dem Gestern verkrampft, nicht zulassen wollte, daß sich die Rechte des nationalen Protestes gegen die Sieger bemächtigte. Er schleuderte Konrad Adenauer das böse Wort vom „Kanzler der Alliierten“ entgegen. Ein tragisches Mißverständnis.

Willy Brandt und sein väterlicher Mentor Ernst Reuter waren in der Emigration der deutschen Enge entwachsen. Die Partei machte es ihnen nicht leicht. Brandt und seinen Freunden – der wichtigste Fritz Erler – hing man das Etikett „rechts“ an. Die „Keulen-Riege“ seines Berliner Widersachers Franz Neumann – die durch ihren Widerstand gegen die Kommunisten unbestreitbare Verdienste gewonnen hatte – galt als „links“.