Von Wolfgang Lechner

Eine Stunde nach dem Start in Belém wird die Wolkendecke licht. Wir sehen den Urwald, eine krause, ebene Fläche, dunkelgrün bis zum Horizont, nur manchmal von Wasserläufen unterbrochen. Der Regenwald des Amazonas, die grüne Lunge der Welt – doch plötzlich sind auch die Schatten auf dieser Lunge zu erkennen. Flecken von anderer Farbe, von hellerem Grün und häßlichem Grünbraun. Erst einzelne Stellen, schließlich zusammenhängende Gebiete. Dann schneidet, wie mit dem Skalpell gezogen, die rote Spur der Transamazônica durchs Grün. Und als die Dash 8 in Altamira zur Landung ansetzt, sehen wir die Leichen der Urwaldriesen, verkohlte Baumstrünke, dazu die Palmen, die als erste Bäume wieder aus der verbrannten Erde wachsen, und die mageren, weißen Rinder, für deren Weideland der Urwald weichen mußte.

In Blue Jeans und Polohemd steht Bischof Erwin Kräutler am Flugplatz und unterhält sich mit den anderen Wartenden. Er legt einer Frau seinen Arm um die Schulter, streicht einem Mädchen über die Wange, packt einen Mann mit der Linken am Oberarm, während er ihm die Hand schüttelt. Jeder hier scheint den Bischof zu kennen, und keiner scheint sich zu wundern, daß er ihn hier trifft.

Erwin Kräutler ist blaß. Und schmaler, als er sich in Talk-Shows, in Podiumsdiskussionen und auf Buchtiteln präsentierte. Ja, gestern abend erst sei er von einer Reise durch die Prälatur zurückgekommen, sagt er, jetzt habe er wieder dieses Fieber, das kein Arzt erklären könne. „Und ziemlich tschigg bin i holt!“ Erschöpft.

Erwin Kräutler ist Österreicher, in Vorarlberg geboren. Er kam 1965 als 26jähriger „Wandermissionar“ der Kongregation vom Kostbaren Blut nach Brasilien. 1981 wurde er Bischof der Prälatur Xingu, eines Gebiets, das fast so groß ist wie Deutschland. In Xingu leben 400 000 Menschen, 120 000 von ihnen in der Provinzstadt Altamira, der Rest verteilt vom Oberlauf der Flüsse Xingu und Irirí bis hinunter zum Amazonas. Hier gibt es fast alle Probleme, die das Riesenland Brasilien heute quälen: Zerstörung des Regenwalds, Entrechtung der Kleinbauern, Vernichtung der Indianer, Goldrausch, ruinöse Landflucht, Analphabetismus, Hunger, Drogensucht und Kriminalität.

„Dom Erwin“ ist kein Hirte, der stumm mit seinen Schafen leidet und sie auf ein besseres Jenseits vertröstet. Er sagt ihnen, wer schuld an ihrer Misere ist. Wenn er es für notwendig hält, prangert er auch auf europäischen Podien die fünfhundertjährige Ausbeutung eines ganzen Kontinents und seiner Menschen an. Für viele ist er nach der Entmachtung der fortschrittlichen Erzbischöfe Helder Cämara und Paulo Evaristo Arns und nach der Resignation Leonardo Boffs die letzte Galionsfigur der Theologie der Befreiung. Für die Konservativen in der römischen Kirche ist er ein Aufrührer, „politisch einseitig“. Mit dieser Begründung hat der Erzbischof von Salzburg, Georg Eder, einen Auftritt Kräutlers bei den diesjährigen Salzburger Hochschulwochen verhindert (und statt dessen den Kurienkardinal Ratzinger einladen lassen, den erklärten Gegner der Befreiungstheologie).

Die Küche von Kräutlers Konvent beherrscht ein riesengroßer hellblauer Kühlschrank mit rostigen Kanten. Auf dem Tisch liegen zerlesene Exemplare einer katholischen Wochenzeitung. Durch die offene Balkontüre sehen wir auf die weite Schleife, die der Xingu bei Altamira macht, auf träges, weites Wasser, auf Bäume in der Ferne, die noch eine Ahnung von Urwald geben.