Von Michael Thumann

Genf

Durch die frischgeputzten Fenster des Palais des Nations fällt der Blick auf den Genfer See, über dem sich der Nebel auflöst. Dahinter zeichnen sich schemenhaft die Alpen ab. Eine Welt liegt zwischen Genf und Gradačač, der bosnischen Stadt, die an diesem Herbstmorgen bombardiert wird. Und dennoch ist Genf derzeit die einzige Hoffnung der Bewohner von Gradačač – wenn sie hinter ihren zerbrochenen Scheiben überhaupt noch Hoffnung haben.

Seit September tagt im sechsten Stock des UN-Palastes die Konferenz über das ehemalige Jugoslawien. Serben, Kroaten und bosnische Moslems versuchen, im diplomatischen Spiel möglichst viel für sich herauszuholen – „mit verdeckten Karten“, wie ein Unterhändler urteilt. Nach der glücklosen Mission des EG-Beauftragten Lord Carrington vermitteln jetzt der Brite Lord David Owen und der Amerikaner Cyrus Vance zwischen den zerstrittenen Südslawen. Die beiden ehemaligen Außenminister vertreten die EG und die Vereinten Nationen. Da kein westliches Land ernsthaft bereit ist, militärisch einzugreifen, erhalten sich die Regierungen mit diesen Verhandlungen die Illusion, Einfluß auf den Balkankrieg zu haben.

Das Gespräch gilt in Genf als Wert an sich. Reden müssen die Diplomaten auch mit Leuten, die manche lieber auf der Anklagebank als am Verhandlungstisch sähen. Radovan Karadžić etwa, Führer der bosnischen Serben und einer der Hauptverantwortlichen für die ethnischen Säuberungen, sitzt unbehelligt in der Runde. „Es wäre möglich, anständige Leute zu finden, aber die haben keine Macht“, sagt einer der Vermittler. „Wenn Sie nicht mit Karadžić sprechen, mit wem wollen Sie dann reden?“ Die bosnischen Moslems lehnen es bisher ab, mit dem „Aggressor“ direkt zu verhandeln. Deshalb treffen die westlichen Diplomaten abwechselnd in Einzelgesprächen mit Serben, Moslems und Kroaten zusammen. In sechs Arbeitsgruppen verhandeln sie über humanitäre Einsätze, nationale Minderheiten, Wirtschaftsfragen, vertrauensbildende Maßnahmen und die Rechtsnachfolge für das ehemalige Jugoslawien. Die Büros sind noch nicht fertig eingerichtet, auf dem Boden liegen Geschichtsbücher herum, serbische, kroatische und englische. Ein jedes verkündet eine andere Wahrheit. Statistiken alter jugoslawischer Volkszählungen sollen Aufschluß über das Völkergemisch geben, bunte Karten an der Wand illustrieren das ethnische Chaos: In jeder bosnischen Stadt leben Moslems und Kroaten und Serben und einige andere Nationalitäten. Wer kann den Knoten entwirren?

Eine Gruppe arbeitet die Grenzen und die Verfassung von Bosnien-Herzegowina aus. Die bosnisch-muslimische Regierung will das Land als Einheitsstaat erhalten. Die Serben unter Karadžič bestehen auf ihren eigenen Staat, sie fürchten die Unterdrückung durch eine starke Zentralmacht in Sarajevo. Die Kroaten wiederum kämpfen zwar oft mit den Moslems Schulter an Schulter gegen die Serben, aber ihr erobertes Territorium in Bosnien-Herzegowina würden sie nur zu gern selbst regieren. Die westlichen Diplomaten suchen den kleinsten gemeinsamen Nenner der Parteien, um einen bosnischen Bundesstaat für die Zukunft zu entwerfen.

Die Realität des Krieges wirkt dabei oft wie ein Störfaktor. „Die Verhandlungen werden nicht einfacher durch Presseberichte über Lager und Vertreibungen“, klagt der Leiter der Arbeitsgruppe, der Finne Martti Ahtisaari. Doch die Journalisten bekommen ihre „störenden“ Informationen nur fünf Etagen tiefer auf der Pressekonferenz. Ein Sprecher des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge erklärt, in Banja Luka würden Kroaten und Moslems systematisch verjagt. 6500 Menschen seien in einem Lager südlich der Stadt zusammengetrieben worden.