Von Cornelia Filter

Ingeborg Probocskai ist eine Frau am Steuer, die das Fürchten lehrt. Mit siebzig brettert sie an Schildern vorbei, die – wegen der Kinder – „Freiwillig 30“ mahnen. Über holpriges Pflaster jagt sie ihren knallroten Golf; auf rostgelbem Herbstlaub gerät er ins Schlingern. Durch Schlaglöcher hüpft er – vorbei an betagten Bruchsteinmauern, hinter denen wilde Gärten wuchern und Jahrhundertwendevillen, aus Dornröschenträumen aufgeschreckt, Hautrisse unter Weinranken verbergen.

An diesem Morgen versuche ich nur, den Golf nicht aus den Augen zu verlieren, und denke an die Rechnung für die Stoßdämpfer meines Wagens. „Sind wir hier in Dresden?“ frage ich benommen, als mir Frau Probocskai, am Ziel angekommen, einen Eimer und eine Gartenschere in die Hand drückt. „Nein, wir sind immer noch in Radebeul“, entgegnet sie und deutet auf das Fachwerkensemble mit Tor und Turm gleich nebenan: „Das ist Schloß Hoflößnitz. Ich bin Seitenstraßen gefahren, um Ihnen zu zeigen, wie schön es bei uns im sächsischen Nizza ist.“

Und schon ist sie, dieses Mal zu Fuß, wieder unterwegs, eine kleine Frau in Jeansjacke und Gummistiefeln mit kurzen, grauen Haaren. Eine Karrierefrau würde man sie im Westen nennen. Im Osten kennt man solche Wörter nicht, weil Frauen in Führungspositionen dort nicht ungewöhnlich waren – vor der Wende.

Die Abteilungsleiterin Weinbau des Sächsischen Staatsweinguts Schloß Wackerbarth zu Radebeul stapft nun in den Weinberg hinein, den man besser ein Feld nennen sollte, weil er kaum Gefälle hat. Steil hingegen sind die von braunen Mauern gestützten, mit Weinstöcken bestandenen Hänge im Hintergrund zu beiden Seiten der Spitzhaustreppe, die wegen ihrer 365 Stufen auch „Jahrestreppe“ heißt.

„Der Neuberger hat neunzig Oechsle, den können wir ohne Bedenken lesen“, sagt Ingeborg Proboeskai zu einem Mann, der eine Kiepe, Bütte oder Butt auf dem Rücken trägt, und das ist ein Befehl. „35 Kilo wiegt die, wenn sie voll ist“, erklärt die Weinexpertin und stellt mir den Buttenträger als den „Bereichsleiter“ Klaus Höhne vor. Als das Staatsweingut noch Volkseigentum war und 320 Menschen ernährte, war er ein Brigadenführer. Heute sind die 115 Winzer und Küfer, die das Gut noch beschäftigt, in „Bereiche“ eingeteilt.

Die Namen wechseln, doch die Arbeit bleibt, nur daß sie auf weniger Schultern lastet. Im Elbtal, wo die Lagen steil sind und die Parzellen klein, können beim Weinbau keine Maschinen eingesetzt werden, hier wird alles mit der Hand gemacht.