Von Franz Haas

Manchmal wollte der Vater lustig sein, das war besonders traurig.“ Seine Lage ist schlimm: Genau einen Tag hat er noch Zeit, um seine Sachen zu packen und auszuziehen; dann soll der Geliebte der Mutter ankommen, ein Möbelwagen vorfahren und die Familie zerteilt werden. Die kleine Tochter bleibt bei der Mutter, der zehnjährige Sohn zieht mit dem Vater weg.

Gert Hofmann wollte ein kurzweiliges Buch über das Unglück schreiben. Es ist eine besonders mühsame Geschichte von einem Versager geworden. Die Methode ist gewitzt: Das Erzählen dieser Familientragödie hat der Autor dem kleinen Jungen überlassen; aus dessen geduckter Perspektive soll das Unheil drollig sein. Das Ergebnis ist traurig, riecht aber ein wenig nach Kinderschweiß und Onkelwitzen. Nur selten gelingt die glückliche Paarung von Komik und Verhängnis.

Die Erzählung des Kindes beginnt am Morgen des letzten Tages der Familie und endet abends im Lastwagen der Möbelpacker. Die Stunden ziehen sich noch länger als üblich durch die Sommerhitze beim Spaziergang durch die Stadt mit dem Vater und dem Schwesterchen. Später spielt der Vater mit den Kindern Quartett, wartet auf die Ankunft des Rivalen. „Die Mutter liebte den Vater nicht mehr, das war nach und nach so gekommen.“ Seit siebzehn Jahren quälen sie sich durch die Gemeinsamkeit, seit siebzehn Tagen sprechen sie nicht mehr miteinander.

Die Mutter ernährt die Familie, denn der Vater „ist eigentlich Schriftsteller“, hat aber nie einen Bleistift zur Hand, wenn ihm gerade ein Einfall kommt. Er hat durch die Trennung am meisten zu verlieren. Als Zeichen der Versöhnung (und aus Geldnot) pflückt er am Bahndamm Blumen für seine Frau; sogar zu einem Gespräch ist er bereit. Aber die Mutter hat sich unerbittlich in Herrn Herkenrath verliebt; der trägt knarrendes Schuhwerk und ist so steif wie sein Name. Am Abend des Unglückstages kommt er „geschniegelt und gebügelt“ zum Kaffee, wünscht den Ausziehenden „alles erdenklich Gute“ und nimmt die Hälfte der getrennten Familie in Besitz.

Das Unglück ist nicht lustig. Gert Hofmanns Roman „Das Glück“ ist ein witziger Versuch über einen verpatzten Tag und über ein schiefgegangenes Leben. Der Witz steht jedoch auf dünnen Beinen, denn der Ich-Erzähler ist ein Junge, der fast alles von seinem unfähigen Vater gelernt hat, dementsprechend altklug und kurzatmig ist sein Bericht. Der Autor delegiert die gesamte Sprachkomik an den kleinen Jungen. Eine stotternde Prosa ist das Ergebnis dieses erzähltechnischen Kindesmißbrauchs.

Der Vater döst gern in seinem Rohrsessel und spricht oft von Thomas Mann, dem er vor vielen Jahren einen Brief geschrieben hatte, in dem er sich über die Schwierigkeiten bei der Arbeit an seinem geplanten Roman „Der Zaubertisch“ beklagt. Als Antwort kam eine Karte mit dem Trost, daß auch er, Thomas Mann, nicht recht weiterkäme mit einem Werk namens „Felix Krull“. Der Vater ist ein Hochstapler und zeigt die Karte herum; bei den Kunden des Schreibwarenhändlers stellt er sich ungefragt als Schriftsteller vor. Die Ironie von Gert Hofmann gegenüber dieser Romanfigur ist (wie die Selbstironie im Alterswerk von Thomas Mann) tröstlich und mild; sie ist immer durch die Augen des nachsichtigen Kindes gefiltert. Der nichtsnutzige Ehemann ist meistens vergnügt und schimpft nur in finsteren Augenblicken. Freilich würde er gerne ein Werk wie den „Zauberberg“ schreiben, aber sowas fällt ihm im Moment nicht ein. Die Tragik des Betrogenseins erträgt er mit spöttischer Künstlermiene.