Ein Psychologiestudium im sonnigen San Francisco ist bestimmt nicht langweilig. Jedenfalls nicht, solange am dortigen Medical Research Institute fröhliche Wissenschaft betrieben wird, wie sie sich in der Publikation „Der Morgen danach“ niederschlägt (Journal of Applied Social Psychology, 1992, 22, 5, 343-357).

Die Psychologin Barbara C. Leigh und zwei ihrer Kolleginnen wollten herausfinden, wie Frauen und Männer über spontane sexuelle Begegnungen denken. Sie wählten eine recht unterhaltsame Untersuchungsmethode: Zunächst baten sie frischgebackene Studentinnen und Studenten der Psychologie, Geschichten auszuschmücken, in denen sich eine Frau (Kristin) und ein Mann (Brian) kennenlernen, Alkohol trinken und schließlich im Bett landen. Die drei Psychologinnen fummelten dann aus all den Erzählungen eine typische Geschichte zusammen – pardon: Sie „konstruierten ein Szenario“, und zwar in zwei Varianten. Einmal versüßte Cola das Schäferstündchen, im anderen Fall wurde Bier gereicht (welcher raffinierte Verführer wohl auf diese Getränke gekommen ist?).

Die Geschichten wurden sodann 37 weiblichen und 39 männlichen Studierenden der Psychologie vorgelegt, und zwar entweder die nüchterne oder die alkoholisierte Version. Nach der Lektüre waren umfängliche Fragebögen auszufüllen: Hat sich Brian, hat sich Kristin akzeptabel verhalten, hat es ihnen Spaß gemacht, wie geht’s ihnen jetzt so, wird sie wohl schwanger, hat er sich eine Geschlechtskrankheit eingefangen, war das der Beginn einer langandauernden Partnerschaft, kurz: was man in solchen Fällen eben fragt. Auf diese Weise wurde eine beträchtliche Datenmasse aufgehäufelt, die in der anschließenden Statistik fleißig umhergeschoben und sortiert werden konnte. Auf diese Weise stellten sich allerlei Forschungsresultate ein.

Es waren eher die Männer als die Frauen, die Kristin für sexuell erpicht hielten, die Frauen wiederum wähnten bei Brian stärkere sexuelle Motive, als es die Männer taten. Aus unerfindlichen Gründen schrieben die 76 kalifornischen Collegebesucher Kristin mehr „positive postkoitale Gefühle“ (Originaljargon) zu als Brian, und besonders die Studentinnen vermuteten, Kristin sei hernach glücklich und zufrieden gewesen. Die männlichen Studenten wiederum ordneten Brian auffallend starke Unlust- und Schuldgefühle zu; man muß sich wirklich fragen, was mit den Jungs am Institut los ist. Und Cola oder Bier, sieh an, das war völlig egal.

Der Schlußteil, in dem die drei Psychologinnen diese und andere Ergebnisse pflichtgemäß in den Kontext anderer Studien einflechten, weist auf die erneut bestätigte Tatsache hin, daß sich Männer und Frauen gegenseitig oft mißverstehen, wenn es um ihre wechselseitigen Gefühle und Absichten geht.

Zwar wird keine Fragebogenaktion der Welt, und sei sie noch so wissenschaftlich, jungen Psychologiestudenten den dornigen Weg zu dieser Wahrheit abkürzen helfen, aber immerhin: Jetzt können sie nicht mehr sagen, niemand habe sie gewarnt.

Gero von Randow