Von Klaus Jeziorkowski

Ungefähr so hatte ich mir Ruth Angress seit langem vorgestellt: „spröde“, voller „Widerspruch“, „Unversöhnlichkeiten“ und „Kratzbürstigkeit“, „schroff“, ein „Reibeisen“ – all das sind auf sie selbst oder ihre Haltung gemünzte Worte aus ihren Lebenserinnerungen, die sie jetzt, auf deutsch und unter ihrem alten neuen Namen veröffentlicht hat.

Ich sehe sie vor mir: aus wahrhaft verständlichen Gründen die Stacheln nach außen gekehrt, jemand, mit dem nicht gut Kirschen essen ist – warum auch sollte diese Frau nach ihren Erlebnissen mit Österreichern und Deutschen in drei Konzentrationslagern Kirschen essen wollen, und gerade mit uns. Es muß uns genug sein, daß sie dennoch deutsch spricht und schreibt und daß in Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt die Liebe zur deutschsprachigen Literatur nicht aus ihr herausgefoltert worden ist.

Im Gegenteil: Diese Liebe sitzt offenbar viel tiefer, als das Buch der renommierten Literaturwissenschaftlerin selbst zugibt. „So kam ich unter die Deutschen“, registriert sie, als sie 1945 nach der Flucht aus dem letzten Lager Richtung Straubing fährt. Wem klar ist, daß Hölderlins „Hyperion“ mit diesen Worten seine schneidend wahr gebliebene Abrechnung mit den Deutschen einleitet, dem stocken Atem und Herz, dieses hölderlinischste aller Organe, das hier so abwehrend leidenschaftlich wie glaubhaft schroff sich kundgibt. „An wen sonst als an Euch“, die Göttinger Freunde, richtet Ruth Klüger dieses Buch; „wem sonst als Dir“ widmete Hölderlin den ersten Band seines „Hyperion“, als er ihn an Susette Gontard, die Frankfurter Diotima, schickte. Liebe und Distanz werden nahezu synonym.

Das Buch, das von der unter Schmähungen erlittenen Wiener Kindheit einer jüdischen Österreicherin berichtet, dann von der Deportation mit der Mutter in die Lager der Nazis, zu denen es auf ewig keinen Vergleich geben wird, schließlich von der Flucht und der halben Rettung in der deutschen Nachkriegsprovinz und der ganzen dann in Amerika erzählt, dieses Buch beginnt mit den Worten „Der Tod“. Und es endet mit den Worten „ein deutsches Buch“. Der Tod – ein deutsches Buch. Dazwischen liegt ein Universum des Grauens und des einzig rettenden Bewußtseins, die Erfahrung dieses Allerschlimmsten sich nicht durch kurante Bewältigungs-, Vergebungs- und Mitleidsformeln zum heilenden Allerweltswässerlein destillieren zu lassen.

Eine Frau, die groß ist und klug an Herz und Verstand, erzählt hier ihren „Prozeß der Zivilisation“, der mit nahezu tödlicher Ironie eine Marter unter den Barbaren war, die Genese ihrer Identität, die sie im Konzentrationslager gefunden hat: zur Jüdin ist sie in Theresienstadt geworden. Als sie, die 1931 Geborene, all das Unvorstellbare physisch hinter sich hat, ist sie vierzehn – welch eine Kindheit, welch eine Jugend. Daß viele Gleichalte heute bei uns in der Hauptsache ferngesehene Erfahrungen haben, kann man ihnen nicht vorhalten. Man sollte ihnen auch die anderen Erfahrungen der Ruth Klüger nicht wünschen, ihnen aber die Chance bieten, ihren eigenen Lebensfundus lesend zu erweitern durch die lebensnotwendigen Erinnerungen anderer, die uns sehr wohl das Leben retten können.

„weiter leben“. Was hinter diesen zwei weder groß noch zusammengeschriebenen Wörtern steckt, ist nur durch Sprech- und Betonungsübungen allmählich zu entdecken: die Tatsache sowohl, daß allein der nächste Atemzug ein unausdenkbares Abenteuer und beileibe nicht gewiß ist, als auch der Komparativ von „weit“, das wiederum eine geographische, psychische und auch bewußtseinsausweitende Komponente hat: Man lebt nach solchen Erfahrungen und in seinem solchen Leben „weiter“, offener, ausgedehnter, mit größeren und ganz anderen inneren und äußeren Horizonten.