Von Dietmar Herz

Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten brachte für Alex Margan und Bärbel Falkner große Veränderungen. Seit mehr als zwanzig Jahren hatten die beiden in Ost-Berlin zusammengelebt. Obwohl nicht verheiratet, führten sie doch eine Ehe. Sie haben eine Tochter, Alexandra. Jetzt, unter dem Eindruck von so vielem Neuen, verstehen sich die beiden nicht mehr. Ihre Partnerschaft zerbricht.

Peter Millars Buch erzählt zunächst die Geschichte von Alex und Bärbel und ihrer Elterngeneration. Die Erlebnisse von Menschen in einer Zeit des Zusammenbruchs, des Wiederaufbaus und der darauf folgenden langen Phase der politischen und sozialen Stagnation. Der Untergang des „Dritten Reiches“, die unmittelbare Nachkriegszeit und schließlich die Jahrzehnte der DDR bilden den historischen Hintergrund. Die Nachkriegsgeneration erlebt und erleidet die einschneidenden Ereignisse der Geschichte der DDR. Begründet durch unterschiedliche persönliche Erfahrungen, lehnen Bärbel und Alex den ostdeutschen Staat ab. Sie haben sich aber mit seinen Auswirkungen auf ihr Leben arrangiert.

Das „Metzer Eck“, eine Kneipe, die sie nun gemeinsam führen, hat eine Reihe von Stammgästen, deren Lebensgeschichten die ersten beiden Stränge der Erzählung ergänzen. Die Gesamterzählung ist auf diese Weise kunstvoll aufgebaut: Sie führt die Personen der Handlung an einem Ort zusammen und, als sich deren Leben – bedingt durch die politischen und sozialen Umwälzungen der jüngsten Zeit – verändert, wieder auseinander. Die Perspektive der Erzählung erweitert sich so. Eingewoben in diese Erzählungen sind Episoden und Personen der jüngsten deutschen Geschichte. Die Lebensgeschichte Erich Honeckers wird erzählt, als sei auch er ein Stammgast des „Metzer Ecks“. Dies bildet den dritten Strang der Erzählung.

Miliar schreibt – mit Ausnahme von Erich Honecker – mit großer Sympathie über seine Figuren, ihr Leben und ihr Leiden. Alle haben sie sich mit dem Alltag der DDR abgefunden, haben innerlich resigniert oder versucht, der Situation Vorteile abzugewinnen. Die Stammgäste sind Randfiguren der politischen Ereignisse, Bauern auf dem Schachbrett der Politik, aber zusammengenommen ergeben sie ein Bild des Typischen, verdeutlichen sie die gesellschaftliche Ordnung der DDR.

Im Laufe der Erzählung fügt Millar auch seine eigene Geschichte hinzu. 1981 war er erstmals als Reuters-Korrespondent nach Ost-Berlin gekommen, lebte dort fünf Jahre, berichtete dann für verschiedene englische Zeitungen aus Warschau und Moskau und kehrte schließlich 1989 als Korrespondent der Sunday Times nach Berlin zurück. Den Kontakt zu Deutschland hat er in all den Jahren nie unterbrochen. Sein Interesse und seine Sympathie gehörten aber stets den Menschen im Osten des Landes. Für Westdeutschland findet er wenig gute Worte; hart geht er mit der Selbstgefälligkeit der Bonner Republik ins Gericht. Er wirft den Westdeutschen eine zweifache Verdrängung vor: einmal eine Verdrängung ihrer Geschichte und historischen Schuld – deutlich gemacht an den Auseinandersetzungen um Philipp Jenningers umstrittene Rede im Deutschen Bundestag – und zum zweiten die Verdrängung der Teilung und der damit verbundenen Unbilden für die ostdeutsche Bevölkerung. Die große Leistung der westdeutschen Politik – die Einbindung eines Teils Deutschlands in die Gemeinschaft der demokratisch und liberal verfaßten westlichen Staaten – würdigt das Buch nicht. Das westliche Deutschland, so Millar, verweigerte – ungeachtet einiger Lippenbekenntnisse – stets die Antwort auf die Frage, was denn das Ziel deutscher Politik sein solle. Eine Frage, auf die auch Millar keine Antwort gibt.

Das Buch ist oral history im besten Sinne des Wortes, ein Beitrag zur (ost)deutschen Sozial- und Mentalitätsgeschichte. Dies ist die Stärke, aber auch die Grenze des Werkes. Die Geschichten, die Millar erzählt, ergeben das Bild eines Journalisten, der über seiner Arbeit ein wenig die kritische Distanz zu seinem Gegenstand verloren hat, der sich mehr und mehr mit den Menschen des Landes, über das er berichtete, einig fühlt. Für englische Diplomaten, die im Kolonialdienst (zu)viel Sympathie für die ihnen „anvertrauten“ Gebiete aufbrachten, gab es den englischen Ausdruck they have gone bush. Das trifft – cum grano salis – auch auf Millar zu. Dies sei aber ohne Häme gesagt.