Von Carl-Christian Kaiser

Es hilft nichts: Man muß sich einlesen. Politische Bücher sind keine Unterhaltungsromane, aber selten sind sie über mehrere hundert Seiten hinweg derart konzentriert und kompakt geschrieben wie die Untersuchung Sigrid Meuschels. Füllsätze gibt es nicht. Eher kommt es vor, daß sie in einen Satz zuviel packt, zum Beispiel: „Die parteipolitische Prärogative in den sozialen Subsystemen unterminierte zusammen mit deren spezifischem Sachverstand auch das Arbeitsethos der eher formal als wirksam arbeitsteilig organisierten Gesellschaft.“ Da wären mehr Sätze mehr gewesen.

Aber das sollte, ja darf von der Lektüre nicht abhalten. Hier ist, um es gleich zu sagen, ein Standardwerk entstanden, ohne das die vielberufene Aufarbeitung der DDR-Geschichte, in wissenschaftlichen Instituten ebenso wie in der Enquetekommission des Bundestages, nicht auskommen wird. Und nebenbei gesagt, handelt es sich auch um eine Ehrenrettung für die ehedem westdeutsche DDR-Forschung, der Beckmesser und Neunmalkluge post factum vorgeworfen haben, daß sie weithin blind und deshalb auch nicht imstande gewesen sei, den plötzlichen und wie lautlosen Zusammenbruch des SED-Regimes vorauszuahnen, geschweige denn vorauszusagen.

Das wäre auch Sigrid Meuschel nicht geglückt. Doch in einem wichtigen methodischen Punkt weicht ihr Buch von vielen anderen ab. Zwar hat auch sie auf Material aus der „alten Zeit“ bauen müssen, in dem harte Daten über die Befindlichkeit der DDR-Gesellschaft meistens fehlten. Aber mehr als alle anderen hat sich Frau Meuschel, wie sie schreibt, auf „legitimatorische Verlautbarungen der Partei und auf wissenschaftliche Texte (gestützt), die die politischen Legitimitätsansprüche umsetzten und bearbeiteten. Der veröffentlichten Meinung der gesellschaftswissenschaftlichen Intelligenz kommt daher ein hoher Stellenwert zu.“

Was das bedeutete, geht auch aus dem fast hundert gesonderte Seiten umfassenden Anmerkungen hervor, die ein Buch für sich sind, und ebenso aus den rund sechzig bibliographischen Seiten. Doch das Durchackern der oft so öde erscheinenden offiziellen und offiziösen, überdies meistens langatmigen Texte hat sich reichlich gelohnt. Ohne daß Frau Meuschel, die Privatdozentin für Soziologie an der FU Berlin und Mitarbeiterin am Frankfurter Institut für Sozialforschung ist, auf eigene Maßstäbe verzichtete, ist so etwas wie eine innere Geschichte und Analyse des SED-Staats und seiner Gesellschaft entstanden – eine Untersuchung, die die Verhältnisse im einst anderen Deutschland auch immer wieder aus sich selbst heraus erklärt.

Im wesentlichen folgt Sigrid Meuschel der historischen Entwicklung, von den Anfängen unter dem Vorzeichen des antifaschistischen Stalinismus über die Bemühungen der SED, nach dem Aufstand vom Juni 1953 Legitimation durch Reformen zu gewinnen, bis zu den Endjahren „im Schatten der Finalitätskrise“, wie es die Autorin nennt – Jahre, in denen die Formel vom real existierenden Sozialismus jedenfalls die ökonomische und ideologische Sackgasse ungewollt vorwegnahm, wenn sie nicht schon das Ende des eschatologisch verstandenen Sozialismus anzeigte.

Aufs neue führt Frau Meuschels exegetische Methode auch vor Augen, wie verhältnismäßig heterogen selbst die SED war, wie sehr in der nur scheinbar monolithischen Partei debattiert wurde, zumal als es auf das – unvermutete oder ahnungsvoll verdrängte – Ende zuging. Freilich drang davon wenig an die Öffentlichkeit, oder es wurde so theoretisch-esoterisch abgehandelt, daß außer einigen Experten, die auch die Deutsche Zeitschrift für Philosophie oder die Einheit studierten, im Westen niemand davon Notiz nahm.