ZEIT: Herr Professor Neumann, Sie sind ein Gegner des Maastricht-Vertrages, der nun wahrscheinlich doch ratifiziert wird. Halten Sie jetzt eine wirtschaftliche Katastrophe in der Europäischen Gemeinschaft für unausweichlich?

Neumann: Ich glaube nicht, daß der Maastricht-Vertrag im Ganzen eine Katastrophe darstellt. Wogegen wir uns mit dem Manifest der 62 Ökonomen gewendet haben, ist eine überhastete Integration, die auf falschen Wechselkursen aufbaut und damit die Gütermärkte zu Investitionen verleitet, die langfristig nicht rentabel sind.

ZEIT: Aber Sie wenden sich doch nicht nur gegen falsche Wechselkurse, sondern prinzipiell gegen das Ziel, in Europa eine einheitliche Währung einzuführen?

Neumann: Die nationalen Währungen durch eine Einheitswährung schon in diesem Jahrhundert zu ersetzen, halte ich für verfrüht. Zunächst müßte gesichert sein, daß die Güter-, Dienstleistungs- und Kapitalmärkte weit genug integriert sind.

ZEIT: Ein Binnenmarkt ohne gemeinsame Währung läßt Wachstumspotentiale ungenutzt. Folglich ist doch der Verzicht auf eine einheitliche Währung nicht sinnvoll?

Neumann: Doch! Bewegliche Kurse sind gar nicht schädlich. Der Binnenmarkt bedarf keiner gemeinsamen Währung. Sie kann zwar Umtauschkosten einsparen. Aber entscheidend ist, ob man auf Preisstabilität und reale Wechselkursstabilität vertrauen kann. Das geht nur, wenn eine stabilitätsorientierte Finanz- und Geldpolitik gewährleistet ist. Nehmen Sie an, wir hätten jetzt schon eine Einheitswährung mit Italien – das wäre in der Tat eine Katastrophe!

ZEIT: Die Krise an den Devisenmärkten der vergangenen Wochen hat Länder wie Spanien und Portugal veranlaßt, den Kapitalverkehr mit dem Ausland einzuschränken – eine Maßnahme, die dem Binnenmarktprogramm widerspricht.