Der automatische Elektroherd mit allen Schikanen hatte 2400 Mark gekostet. Hartmut stemmte ihn hoch und warf ihn aus dem Fenster. Es hörte sich an wie ein Auffahrunfall, als das emaillierte Blech vor der Garagenauffahrt aufs Pflaster krachte. Jetzt war Heinz dran. Er schob die Gefrierkombination über das Fensterbrett, sie kreischte erbärmlich, dann stürzte sie in die Tiefe. Zong! Die Kinder klatschten. Willy zerlegte derweil unter geschickter Ausnutzung der Hebelgesetze die Eßecke: Beine weg, Lehnen ab, ein paar Tritte – fertig zum Abwurf.

Eigentlich hatten wir uns Entrümpelung etwas anders vorgestellt. Als eine Art Verwertungsabfuhr zum Pauschalpreis. Wir dachten, Mutters Möbel würden an Heime und Händler verscherbelt werden, bevor der unbrauchbare Rest in die Müllverbrennung wanderte. Sechs Wochen hatten wir versucht, den Hausrat unter Verwandten und Nachbarn aufzuteilen, wir hatten im Wochenblatt annonciert und Studenten die Wohnungsschlüssel zur gefälligen Bedienung überlassen. Aber das Haus war nicht leerzukriegen. Schließlich meldete der Pfarrer Interesse an einem plastikfurnierten Kinderbett an. Für Asylsuchende.

Die Entrümpler waren starke Männer. Sehr starke. „Gas? Wasser? Strom?“ fragte Hartmut als erstes. Alle Leitungen zuerst abzusperren war wichtig. Die drei hatten nämlich kein Werkzeug für eine Demontage mit. Und auch keine Zeit. Hartmut knickte die Mischbatterie der Spüle beiläufig zur Seite, riß die Nirostabecken ab und brach die kupfernen Anschlußleitungen wie Strohhalme weg. Zwei Griffe seiner Pranken, und die Spanholzplatten waren wie Frühstücksbrettchen nebeneinander sortiert. Raus aus dem Fenster!

Willy machte jetzt die Nummer mit dem altdeutschen Kleiderschrank. Er ließ sich einschließen, Heinz zählte bis drei, und mit einem fürchterlichen Uaaah! flogen Dach, Wände und Türen nahezu gleichzeitig auseinander. Hartmut fixierte unterdessen den Mahagonibücherschrank. Meine Frau hatte die Schlüssel gefunden. Hartmut winkte ab. „Das machen wir amerikanisch.“ Mit der Schulter drückte er die Glasscheiben ein und riß mit einem Ruck jeweils eine Tür aus den Bändern. Dann packte er eine massive Zarge und schlug damit alle senkrechten Wände weg. Nacheinander klappten die Fachböden nach unten. Ein letzter Stoß galt der Rückwand, dann ließ sich der Korpus verziehen, bis die sauber genuteten Schwalbenschwanzverbindungen aufgaben. Meine Frau schluckte etwas. Mutter hatte so auf ihre Sachen geachtet, immer Deckchen druntergelegt, bevor sie eine Vase abstellte. Wie viele Flaschen Möbelpolitur waren mit den Jahren in die Oberfläche massiert worden! Sie wandte sich zaghaft an Heinz. Ob man denn wirklich nichts verwerten könne? Auch sie selbst nicht...? Heinz mit seinen zweieinhalb Zentnern hatte ein sanftes Gemüt. Er warf einen geblümten Ohrensessel aus dem Fenster und sagte gütig: „Gute Frau, wir haben doch keine Zeit. Sehen Sie, in diesen Lkw passen drei Wohnungseinrichtungen, wir haben vier Laster. Damit räumen wir fünfzig Dreizimmerwohnungen pro Woche. Kommt alles auf die Deponie. Die Sozialämter könnten ja was organisieren, aber die sind ja zu blöd.“

Willy spaltete noch ein paar Regale von der Wand, weil das schneller ging als die Schrauben rausdrehen. Nach zwei Stunden war alles vorbei, das Haus leer und ausgefegt. Wir taxierten die verstauten Kubikmeter. „Hier unterschreiben“, sagte Hartmut und legte mit seiner Trümmerfaust ein Blöckchen auf die Gartenmauer. „Ist das ein Umzugswagen?“ wollten unsere Kinder wissen. „Nun, ja...“, lachte Heinz. Im Briefkasten steckte noch ein Möbelprospekt. „Wie würden Sie sich denn einrichten?“ fragte ich aufs Geratewohl. „Stilmöbel!“ rief Willy und warf ein stehengebliebenes Chippendale-Tischchen auf das Auto, „das kommt nie aus der Mode.“

Wolfgang Bachmann