Von Erwin Koch

Von Frau und Kind verlassen, lebt ein Mann in München. Vier kleine Flaschen hat er vor sich stehen, weiße Fäden darin. Gebärmaschinen, sagt er.

Sitzt Hans K. an seinem Schreibtisch, den Brief eines Professors in der Hand, und weiß er nicht, ob das Leben weiter zu ertragen sei, weil wieder die Anwort „pflanzlich“ ihm jede Zukunft nimmt, dann, am Sockel aller Traurigkeit, denkt der Mann, daß auch der Herr an einem Freitag sein Kreuz nahm. Wenn im Elend nichts mehr hilft, hilft der Vergleich mit der Überinstanz.

Denn am Freitag, dem 15. Juni 1951, war Hans K., wohlhabender Baukaufmann, aufs Land gefahren. An der westlichen Seite des Staffelsees kannte er eine Stelle, wo, Jahr für Jahr, Schwertlilien aus dem sauren Moor wuchsen. Der Mann bückte sich also, um einige Blumen abzureißen, da entdeckte er, daß an den Stengeln des Gewächses feine Fäden sich aufwärts bewegten.

Fünfzehn Minuten später, am Nachmittag des 15. Juni 1951 zur dritten Stunde, begann die Seuche; Hans K., wenn er sich daran erinnert, legt die Hände vors Gesicht. Am Darmausgang begann es ihn heftig zu jucken. Hans K. ist heute 89 Jahre alt, noch will er den Lohn für ein halbes Leben Schmerz und Forschung. Ich verlange, sagt er mit klarer Stimme, das Verdienstkreuz.

Von Frau und Kind verlassen, lebt der Mann an der Schneemannstraße, täglich reist er im Taxi zwischen Kopieranstalt und Postamt, verschickt das Ergebnis seiner Ermittlung in die deutschsprachige Welt. Die Titel und Namen seiner vielen Feinde hat er vergessen müssen, um Platz zu schaffen im Kopf für Wichtiges, also nennt er sie, 164 an der Zahl, nur Professor Sowieso und Doktor Sowieso. Flaschen und Idioten.

Hans K., in der Mitte seines Lebens, 1951, betrieb ein Spezialbüro für Grundstücksaufschließung, Baufinanzierung und Beratung innerhalb der Münchner Gemeinschaftssiedlung Mittersendling, 323 Einfamiliengiebelhäuser hatte er verkauft, Zwei behielt er für sich, ein Mann ohne Hang zur Unvernunft. Nach dem Ereignis am Staffelsee wusch und badete er sich, rieb Salben unter die Wäsche. Endlich verordnete ihm der Hausarzt ein Wurmmittel, sechzig Packungen in fünf Jahren. Nachts lag er wach, und ihm schien, als bewegten sich kleine Tiere vom After zum Mund, zu den Ohren, in die Nase. Die Haut brannte und kitzelte und kribbelte, er nannte das Gefühl, das ihn krank machte, ein grauenhaftes Gruseln.