Hohe Herren von der Akademie! Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.“

So beginnt Kafkas Affenmensch eine Liebesgeschichte über den Fremdling unter Eingeborenen; zum Beispiel einen Juden unter Deutschen.

Schon habe ich etwas Fragwürdiges getan oder mindestens Befragungswürdiges, nämlich das Undeutliche zu deuten. Je besser die Deutung, dieses sehr deutsche Wort, wie schon Wagner meinte, desto weiter entfernt sich „das Werk der Finsternis“; das Geheimnis wird nur erklärt, aber nicht offenbart, und hinterläßt eine Art Gebrauchsanweisung, wie man Liebe in die Obszönität des Klischees verwandelt.

Nun ist es wieder gefallen, dieses peinliche, erschöpfte, verhunzte Wort; es schmeckt nach Kitsch, dieses unvergleichliche deutsche Wort; und es ist fast verschwunden aus unserer privaten und öffentlichen Sprache: ob himmlisch, irdisch oder politisch, wir – pardon, einige von uns – haben Angst, es könnte unerwidert bleiben, erniedrigt und beschmutzt werden. Wer sagt schon, ohne zu erröten, „Ich liebe dich“ zu einer Frau oder zu einer Utopie oder zu dem totgeschriebenen Gott? Die Wirklichkeit hat uns Zweifel gelehrt und bittere Galle beschert; das sogenannte Herz wird in einen Überzieher gesteckt; „einer liebt, der andere wird geliebt“, es ist nichts Bemerkenswertes unter dem neidischen Mond. Wir – pardon, einige von uns – leben in dieser kalten Welt und haben schon vergessen, daß das elfte Gebot – „keep cool“ – eine afroamerikanische Redewendung war, die nicht der lieblosen Kälte galt, sondern dem taktischen Versteckspiel mit den Urgefühlen – Liebe und Haß, Schuld und Ärger, Trauer und Wut –weil es für den schwarzen, gelben, braunen oder weißen Fremdling lebensgefährlich sein konnte, sie herauszuschreien.

Jedoch liebe ich dieses Wort „Liebe“, und zwar die deutsche Liebe, dieses schöne Seufzen, wie Aldous Huxley es verglich mit dem tierischen Grunzen love.

Dieses Wort – L I E B E – sei nun mein Thema, ohne Angst, wenn auch in Verlegenheit ausgesprochen. Denn der Beruf, den ich ausübe, ist nicht nur, wie der Mime Olivier sagen würde, Liebesakt, er ist auch Verlegenheit schlechthin, ob es sich um Desdemonas Taschentuch, Hamlets offenen Hosenschlitz oder Woyzecks Messer handelt. Eine Dankrede darf ja nicht ein liebloses Ritual bleiben, wie es in dem alten Marx Brothers Film so herrlich parodiert wird, wo der große Groucho und seine piekfeine Partnerin minutenlang verbales Pingpong spielen mit den Varianten des „Thank you!“ – „Thank you!“ – „Thank you!“ und so weiter. Aber Sie haben mir, meine hohen Herren, eine unverdiente Ehre erwiesen, sie riecht nach Weihnachtsbaum und quietscht wie das Schaukelpferd und klingt wie meine ton-taube Mutter, wenn sie mich nächtlich mit einem deutschen Lied – „Kommt ein Vogel geflogen“ – in den Schlaf summte.

Nun aber möchte ich versuchen zu erklären, was ich unter „Liebe“ nicht verstehe: nicht das universelle Kopfweh des Robert Graves; nicht irgendeine blinde, taube, widerspruchslose Schnulze; nicht des Hofnarren Lechzen nach Versöhnung mit der Macht; nicht die lieblose Taktik des Verführens anstatt der Vergewaltigung; nicht das Vergessen, daß der Haß die Kehrseite der erotischen Münze ist, daß Gerechtigkeit – Shakespeare nannte es Rache – in der Liebe wie in der Geschichte eine Utopie bleibt, nur Sehnsucht, keine Erfüllung.