Von Robert Leicht

Ein Sonderweg hat sich vollendet. Der große Beweger deutscher Politik hat seine Ruhe gefunden. Willy Brandt, der Politiker der Versöhnung, vertrug sich am Anfang seiner Laufbahn mit keinem der bis dahin traditionellen Muster. In allem war er ungewöhnlich, aber gerade darin, daß ein so unerhörter Lebensweg bis an die Regierungsspitze führte, lag so viel Hoffnung für unser Land.

Kein anderer hat je in der deutschen Politik einen so weiten, so schwierigen Weg zurückgelegt von der Verfolgung zur Verehrung, vom Haß zur Zuneigung, von Niederlagen zum Erfolg. Kein deutscher Politiker zuvor hat seinen Landsleuten so lange so vieles zu sagen gehabt, auch nachdem er das Staatsamt aus den Händen gegeben hatte. Mehr als zwei Jahrzehnte der Kämpfe brauchte es, bis Willy Brandt zum Kanzler gewählt wurde. Und fast zwei Jahrzehnte des politischen Bewegens blieben ihm nach seinem Rücktritt. Willy Brandt, der sein Land fliehen mußte, bevor er es führen konnte, hat vieles miteinander versöhnt: sich selber mit seiner Heimat, seine Landsleute mit ihrem geteilten Schicksal und die Deutschen mit ihren Nachbarn. Wie könnte ein politisches Leben mehr umfassen?

Freiheit, Demokratie, Frieden – für jeden dieser Grundwerte unseres politischen Lebens stand Willy Brandt in besonderer Weise ein.

Für die Freiheit: Als Regierender Bürgermeister von Berlin verkörperte er, wie andere vor ihm, angesichts der stalinistischen Bedrohung den Überlebenswillen nicht nur der geteilten und dann ummauerten Stadt, sondern zugleich den Lebensmut aller Deutschen. Er konnte sich dabei auf den Beistand der Westmächte stützen; aber er war es auch, der 1961, im Jahr des Mauerbaus, am deutlichsten die Grenzen zu spüren bekam, die diesem Beistand notwendigerweise gezogen waren. In dieser doppelten Grenzerfahrung lag der Ausgangspunkt der neuen Ostpolitik, der Übergang von der Konfrontation zur Entspannung; in ihr wurzelte seine Einsicht, daß die Deutschen sich aus eigener Kraft auf die Wirklichkeit einlassen mußten, wenn sie die Lage der Menschen in der geteilten Nation verbessern wollten.

Für die Demokratie: Mit der Person Willy Brandts wird, wer immer sonst noch dafür gearbeitet haben mag, für alle Zeiten der erste demokratische Machtwechsel in der Nachkriegsgeschichte verbunden bleiben, das Reifezeugnis also des Parlamentarismus der zweiten deutschen Republik. Zwei deprimierende Wahlniederlagen waren dem Sieg vorausgegangen wie auch das quälende Zögern beim Eintritt in die Große Koalition und bei der Übernahme des Auswärtigen Amtes. Doch als sich 1969 die Chance zur sozial-liberalen Koalition bot, war Brandt es gewesen, der entschlossen voranging.

Doch nicht allein der Machtwechsel als solcher prägte das Bewußtsein der Zeitgenossen, sondern darüber hinaus auch der Stilwechsel. Mehr Demokratie wagen – in diesem Programmsatz kündigte sich zugleich ein anderes Verständnis von Politik überhaupt an. Mag sein, daß die Erwartungen an dieses Wagnis weit überhöht und die Enttäuschungen vorherzusehen waren. Macht und Stil: Selbst der Rücktritt wurde zum demokratischen Vorbild. Daß also Politik mehr sein kann als mechanischer Machtvollzug, als ein zwangsläufig fragwürdiges Geschäft, daß die Politik eine ganze Gesellschaft bewegen und von ihr auch bewegt werden kann – in Brandts kurzer Kanzlerschaft ist diese Hoffnung für einen geschichtlichen Augenblick Wirklichkeit geworden. Wie lange wir von dieser Hoffnung geprägt wurden, erkennen wir erst heute, da wir sie schon fast wieder aufgegeben haben.