Von Gerd Fesser

Der 18. Oktober 1817 war für die Bürger von Eisenach ein großer Tag. Bereits an den beiden Tagen zuvor hatten sich hier etwa 450 Studenten eingefunden. Es gab damals im Gebiet des Deutschen Bundes nur etwa 8500 Studierende, und so war immerhin jeder zwanzigste gekommen. Am 18. Oktober nun versammelten sich die jungen Männer gegen acht Uhr auf dem Eisenacher Marktplatz. Eine halbe Stunde später setzten sie sich bei Glockenklang und feierlicher Musik in Marsch. Eine rotschwarzrote Fahne mit einem aufgestickten goldenen Eichenzweig und der Aufschrift „Ehre, Freiheit, Vaterland“ wurde dem Zug vorangetragen. Die meisten der Studenten trugen lange schwarze Tuchröcke, dazu Barette – eine Tracht, die man damals „altdeutsch“ nannte.

Es war einer jener sonnigen klaren Tage, die zuweilen den Oktober verklären. Der studentische Zug bewegte sich zur Wartburg hin, deren Konturen sich bereits deutlich aus dem Morgendunst herausschälten. Diese berühmte Burg hatte im hohen Mittelalter die Minnesänger Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide in ihren Mauern gesehen. In den Jahren 1521/22 hatte hier Kurfürst Friedrich der Weise dem von Papst und Kaiser gebannten Martin Luther Zuflucht geboten. Hier hatte der Reformator seine großartige Übersetzung des Neuen Testaments niedergeschrieben.

Gegen zehn Uhr langten die Studenten auf der Wartburg an. Vier namhafte Professoren der Jenaer Universität hatten sich bereits eingefunden: der Philosoph Jakob Friedrich Fries, der Mediziner Dietrich Georg Kieser, der Naturforscher Lorenz Oken und der Jurist Christian Wilhelm Schweitzer. Gemeinsam betrat man den Festsaal des Palas. Die Burg war damals in einem recht zerfallenen Zustand (die große Restaurierung oder auch „Verrestaurierung“ fand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt). Der Festsaal war noch niedrig und hatte kleine Fenster.

Die Studenten waren auf die Burg gezogen, um zwei nationale Gedenktage zu feiern: den 300. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag und den vierten Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig. Nach einem kurzen Gebet sang man gemeinsam Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Dann hielt der Theologiestudent Heinrich Hermann Riemann die Festansprache. Riemann hatte 1813 im Lützowschen Freikorps gekämpft. 1815 hatte er als Leutnant an der Schlacht bei Ligny teilgenommen und war mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Der ernste und bescheidene junge Mann war mittlerweile 23 Jahre alt und galt allgemein als der anerkannte Wortführer der Jenaer Studenten.

Riemann pries Martin Luther als einen Streiter für die Geistesfreiheit und würdigte die Kämpfer des Befreiungskrieges von 1813. Zur aktuellen Situation in Deutschland sagte er: „Vier Jahre sind seit jener Schlacht [bei Leipzig 1813] verflossen; das deutsche Volk hatte schöne Hoffnungen gefaßt, sie sind alle vereitelt. Alles ist anders gekommen, als wir erwartet hatten; viel Großes und Herrliches, was geschehen konnte und mußte, ist unterblieben; mit manchem heiligen und edlen Gefühl ist Spott und Hohn getrieben worden. Von allen Fürsten Deutschlands hat nur einer sein gegebenes Wort gelöst, der, in dessen freiem Lande wir das Schlachtfest begehen.“ Der letzte Satz bezog sich, wie jeder der Anwesenden wußte, auf Karl August, den populären Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach und Freund Goethes.

Der junge Redner rief seine Kommilitonen auf, sich nicht etwa mit der deutschen Misere abzufinden, sondern all ihre Kraft für die Einheit und Freiheit des Vaterlandes einzusetzen. Nach Riemanns Ansprache sangen die Studenten den Choral „Nun danket alle Gott“. Am Nachmittag folgten dann in Eisenach ein Festgottesdienst und ein unbeschwertes Volksfest.