Von Carl D. Goerdeler

Das Ding sieht aus wie eine riesige Kartoffelkiste; in der Bretterwand ein tellergroßes Guckloch, und da greift nun Ingenieur Hubig hinein und holt einen Zettel heraus: „Kreiselpumpe Leistung 11 000/h, Fa. KSB, Baujahr 1982, letzte Inspektion 6/92.“ Dreifach in Plastik- und Aluminiumfolie verschweißt, bei konstanter Luftfeuchtigkeit gehalten, seit zehn Jahren eingemottet, ein Prachtstück deutscher Wertarbeit: das in Millionen Einzelteile zerlegte KWU-Kernkraftwerk für Brasilien.

Die besenreinen Lagerhallen in Angra dos Reis könnten die Luftfracht eines mittleren Airports fassen. Ordentlich aufgereiht, Tag und Nacht bewacht und regelmäßig inspiziert warten die Kisten und Kasten darauf, daß endlich jemand kommt, der auspackt. „Im nächsten Jahr ist es soweit, da werden wir die großen Blöcke montieren, denn jetzt haben wir grünes Licht“, behauptet Christian Klose, der Büroleiter der Siemens-Tochter KWU in Brasilien.

Der Blick vom Besucherzentrum an der Küstenstraße nach Rio de Janeiro und Sáo Paulo könnte prächtig sein. Im Westen der tiefgrüne tropische Bergwald, im Osten der preußischblaue Atlantik; nur die Bucht mit dem indianischen Namen Itaorna ist eine einzige Betongrube. Baugerüste, Stahlträger und Verschalungen, ein großer Kran, daneben die Halbkugel des Reaktorgebäudes, die Rohbauten der Generatorenhalle, der Schaltzentrale, der Werkstätten und der Stumpf des Abluftkamins. Seit vier Jahren kommt der Bau nicht recht voran.

Vergilbte Photos zeigen Kanzler Helmut Schmidt und Präsident Ernesto Geisel 1975 bei der Unterzeichnung des Abkommens über die Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Föderativen Republik Brasilien. Doch schon wenige Jahre nach diesem optimistischen Auftakt kommen die vorgesehenen Projekte mit einem Gesamtvolumen von damals zwölf Milliarden Mark ins Stocken. Aus finanziellen, technischen und politischen Gründen wird von brasilianischer Seite der Umfang reduziert und zeitlich gestreckt. Von acht vorgesehenen Kernkraftwerken bleiben zwei übrig: Angra II und III.

Brasilien wollte von Anfang an vom deutschen Partner das Know-how über den vollen Uranzyklus (Anreicherung, Kettenreaktion, Wiederaufbereitung) erhalten. Unter dem Druck der Amerikaner hatten sich die Vertragspartner zu einem Kontrollabkommen mit der internationalen Atomenergiebehörde in Wien verpflichtet. Damit sollte garantiert werden, daß weder Wissen noch Technik aus dem Zivilprojekt für die Herstellung von Atomwaffen mißbraucht werden würden. Das von den Deutschen angebotene Jet-nozzle-Verfahren zur Urananreicherung war dazu auch nicht geeignet.

Die Haushaltsengpässe für das zivile Atomprogramm kamen ehrgeizigen brasilianischen Generälen eher gelegen – denn nun konnte man die unterbeschäftigten Nuklearspezialisten günstig einkaufen. Mit jährlich bis zu drei Milliarden Dollar finanzierten die Streitkräfte ein militärisches „Parallelprogramm“, an dem zeitweise 3000 Ingenieure und hundert Firmen partizipierten. Ziel dieses Parallelprogrammes war es, im großen Maßstab Uran hoch anzureichern, um es als Reaktorbrennstoff in U-Booten oder gar als Bombensprengsatz zu nutzen. „Wir wollen wenigstens dazu in der Lage sein – ob wir die Bombe dann auch bauen, ist eine andere Frage“ – hieß es von militärischer Seite.