Von Uwe Jean Heuser

Die Idee einer ökonomischen Theorie der Ehe mag auf den ersten Blick herzlos erscheinen. Doch für Gary Stanley Becker ist sie ein folgerichtiges Produkt seiner Arbeit. Zeitlebens hat sich der 61jährige Ökonomieprofessor aus Chicago darum bemüht, die Prinzipien der neoklassischen Wirtschaftstheorie auch auf andere Lebensbereiche zu übertragen. Dafür hat ihm die Königlich-Schwedische Akademie nun den Nobelpreis verliehen.

Becker habe mit seinem Werk die Ökonomen nachhaltig angeregt, sich neuen Problemfeldern zuzuwenden, begründet das Nobelkomitee seine Wahl. Die Theorie der Ehe werden die Juroren dabei kaum im Auge gehabt haben. Trotzdem zeigt sie im Extrem das Menschenbild Beckers und der Chicagoer Ökonomenschmiede insgesamt: Der Mensch ist im wesentlichen ein homo oeconomicus, der alle Entscheidungen rational trifft und dabei stets bestrebt ist, seinen Nutzen zu maximieren.

Auch ändern sich seine Vorlieben nicht sprungartig; deshalb bleibt sein Verhalten über die Zeit konsistent, und er weiß schon heute, was ihm bestimmte Dinge in Zukunft wert sein werden. Stimmt das, können die Menschen auch rational darüber entscheiden, ob und wen sie heiraten – nach Becker natürlich denjenigen, der ihnen den höchsten Konsum garantiert, sei es durch den Kauf von Gütern oder die Arbeit im Haushalt.

Für die Wirtschaftswissenschaftler aber zählen andere Arbeiten des Nobelpreisträgers. So befaßte sich Becker schon in seiner Promotion damit, welche Kosten es verursacht, daß Minderheiten auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden. An moralischen interessiert, war der junge ausschließlich nicht interessiert, ihm ging es ausschließlich um Kosten und Nutzen. Nach der Promotion in Chicago befaßte sich Becker vor allem mit dem Humankapital, wie Ökonomen die angeborenen und erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse eines Menschen nennen. Als erster berechnete er rigoros die Rendite von Ausbildungsgängen und wies der modernen Humankapitaltheorie den Weg.

Einen Wert an sich in einem Studium etwa sah Becker nicht: Wer vor der Entscheidung stehe, rechne die Kosten des Studiums in Form von Gebühren und entgangenem Arbeitslohn gegen den Nutzen höherer Bezahlung in der Zukunft auf. Aber nicht nur der Student, auch der Staat kann den Wert von Ausbildungsplätzen berechnen – etwa in Form eines höheren Sozialprodukts oder Steueraufkommens – und den Kosten gegenüberstellen. Becker fand auf diesem Weg heraus, daß die Vereinigten Staaten in den fünfziger Jahren viel zuwenig in ihre Colleges investierten. Ob zuviel oder zuwenig – gerade in den vergangenen Jahren haben immer mehr Politiker diese Form der Argumentation übernommen.

Becker versteht menschliches Handeln als fortwährende Abwägung zwischen verschiedenen Preisen. Dabei gilt als Preis einer bestimmten Handlung jene Option, auf die man ihretwegen verzichten muß, beziehungsweise der Nutzen, der daraus zu ziehen wäre. Der Chicago-Ökonom Milton Friedman, Begründer des Monetarismus, hatte diesen Ansatz auf die verschiedenen Arten der Vermögensbildung angewendet – einschließlich des Humankapitals. Sein Schüler erweiterte das Modell auf alle erdenklichen Lebensbereiche. Er beschäftigte sich intensiv mit Kosten und Nutzen der Liebe und des Gebärens von Kindern, der Religion, aber auch des Verbrechens. Mochten seine Gegner ihm Methodenimperialismus und Amoral vorwerfen, er blieb bei seiner Grundauffassung und behauptete etwa, eine Person werde nur dann eine Straftat begehen, „wenn der für sie erwartete Nutzen größer ist als der Nutzen, den sie realisieren könnte, wenn sie ihre Zeit und sonstigen Ressourcen für andere Aktivitäten einsetzen würde“.