BREMEN. – Muß ein Bürgermeister seine Stromrechnung entziffern können, oder reicht es, wenn er sie regelmäßig bezahlt? Weil die Hanseaten an der Weser anspruchsvolle Leute sind, Kaufleute zumal, und weil sie im ärmsten der westdeutschen Bundesländer leben, erwarten sie von ihrem Landesvater äußerste Sorgfalt im Umgang mit jeder Mark. Klaus Wedemeier, Präsident des Senats, muß sich über diesen Anspruch im Frühjahr klargeworden sein. Als Aufsichtsratsvorsitzender des halbstädtischen Energieunternehmens Stadtwerke AG verbrauchte er in seinem Privathaus jahrelang Energie zum halben Preis. Anfang dieses Jahres empfand Wedemeier plötzlich den Rabatt als „nicht mehr zeitgemäß“ und mühte sich, die Vergünstigung wieder loszuwerden.

Das Motiv für Wedemeiers Sinneswandel liegt ebenso im dunkeln wie die gesamte Deputat-Regelung für den Aufsichtsrat der Stadtwerke. Bis 1971 herrschten klare Verhältnisse: Jedes Mitglied des Aufsichtsrates zahlte Strom und Gas nach dem Werktarif, den das Unternehmen auch seinen Beschäftigten einräumt, erhielt also fünfzig Prozent Rabatt. Hans Koschnick, damaliger Regierungschef und Vorsitzender des Stadtwerke-Aufsichtsrates, schaffte dieses Privileg für die Mitglieder des Kontrollgremiums ab. Wenige Jahre später setzte der Vorstand der Stadtwerke Koschnick wieder auf Billigtarif. Freuen konnte er sich über die ihm bis in dieses Jahr hinein gewährte Vergünstigung freilich nicht, weil er sie, wie Koschnick jetzt versichert, gar nicht bemerkt hat. Kurioserweise erhielt Koschnick den Rabatt, als er aus dem Aufsichtsrat der Stadtwerke ausschied.

Die drei ihm nachfolgenden Aufsichtsratsvorsitzenden gingen leer aus; den dann amtierenden Kontrollchefs aber wurde der Tarifrabatt wieder eingeräumt, unbeanstandet bis in dieses Jahr.

Nun reute es den jüngsten Nutznießer, Klaus Wedemeier, daß er nicht nachgefragt hat, was denn „der Werktarif für ihn bedeutet“. Ob er diese Begründung nur vorschiebt oder ob er wirklich nicht bemerkt hat, daß vor vier Jahren seine Stromrechnung plötzlich niedriger ausfiel, ist nunmehr beliebtes Thema an Bremens Stammtischen. Die CDU-Opposition jedenfalls glaubt Wedemeier kein Wort. Zunächst verlangte sie, publikumswirksam, seinen Rücktritt und will jetzt, nachdem ihr erwartungsgemäß kein Erfolg beschieden war, einen Untersuchungsausschuß einsetzen lassen.

In der Tat ist die anscheinend willkürlich ausgestreute Vergünstigung nicht die einzige Ungereimtheit im Gebaren der Geschäftsleitung. Außerdem hatten die Stadtwerke 1991, also just im Wahljahr, die SPD mit einer großzügigen Spende bedacht – für die Christdemokraten ein weiterer Beweis von Schiebereien unter Genossen. Allerdings versucht die CDU mit ihrem Trommelwirbel außerdem, von eigenem Unvermögen abzulenken. Seit Jahr und Tag sitzen auch Christdemokraten im Aufsichtsrat des Energieunternehmens. Auf Belege für „skandalöse Vorgänge“ stieß die CDU aber nie durch eigene Kontrolltätigkeit, sondern immer erst in der Folge journalistischer Berichterstattung.

Dennoch trifft der Untersuchungsausschuß Klaus Wedemeier und die SPD in einem denkbar ungünstigen Moment. Aktuelle Meinungsumfragen sehen beide auf einem Tiefpunkt in der Gunst der Wählerinnen und Wähler. Die Parteiführung kann nur mit größter Mühe das Rumoren gegen Wedemeier unter dem Deckel halten, der den Rathausschlüssel längst hätte weiterreichen müssen, wenn ein geeigneter Nachfolger in Sicht wäre. FDP und Grüne stützen Wedemeier, weil er allein als Garant der Ampelkoalition gilt. Nach Wedemeier kommt, da sind sie sicher, die große Koalition.

Andererseits mißfällt es natürlich der FDP und den Grünen, immer wieder auf Filz zu treten. So wird auch den kleinen Koalitionspartnern der Untersuchungsausschuß höchstes politisches Geschick abverlangen, und das alles wegen 1617 Mark und 38 Pfennigen. Diese Summe hatte Wedemeier binnen vier Jahren an Stromkosten gespart. Anfang September jedoch, als der Druck von Opposition und Medien nicht nachließ, hat er sie schleunigst zurückgezahlt.

Gaby Schuylenburg