Und wenn in Sarajevo Zehntausende von Kindern verhungern und erfrieren? Werden wir auch dann noch wegschauen? Sind wir vom alltäglichen Grauen in Bosnien genügend abgehärtet?

Europa ist mutlos geworden, wortlos hat es den Nachbarn abgeschrieben: ein hoffnungsloser Fall. Aber wir können uns nicht darauf verlassen, daß das Gewissen stumm bleibt. Die Bilder vom massenhaften Sterben werden uns einholen. Der Winter wird in Sarajevo so sicher kommen wie der Tod. Ebenso sicher wissen wir: Ohne fremde Hilfe gibt es für diese Stadt gewiß kein Überleben.

Nur muß, wer helfen will, auch helfen können. Die Versorgung Sarajevos ist gegen die serbischen Belagerer nicht zu erzwingen. Gegen ihren Willen erreicht die Hilfe auch keine andere bosnische Stadt. Das vom Weltsicherheitsrat erlassene Flugverbot für serbische Militärmaschinen ändert daran nichts. Die Völkergemeinschaft, die bisher nicht auf dem Balkan militärisch intervenieren wollte, wird dies im Winter, wenn ohnehin fast alles zu spät ist, wohl auch nicht tun.

Elend und Mangel könnten aber auch in Serbien schuldlose Opfer fordern. Dort beginnen die von der Uno verhängten Sanktionen zu schmerzen – nicht die Armee, aber die Zivilbevölkerung. Opfer des Krieges ist auch sie. Es kann nicht darum gehen, die Sanktionen aufzuheben und so die von den Serben gewaltsam veränderten Grenzen anzuerkennen. Wohl aber kann das Embargo gelockert, können Medikamente, Lebensmittel und Heizöl geliefert werden.

Im Gegenzug müßte Serbien sich verpflichten, die Helfer in Bosnien nicht länger unter Feuer zu nehmen. Die Vorsitzenden der Genfer Jugoslawien-Konferenz, Cyrus Vance und David Owen, scheinen eine solche Vereinbarung zu erwägen.

Das wäre gewiß ein fragwürdiger politischer Tauschhandel, überdies ohne jede Erfolgsgarantie. Es geht aber darum, selbst die geringste Chance eines humanitären Minimums zu wahren. Prinzipientreue darf nicht zu politischer Paralyse werden – bestimmt dann nicht, wenn der Massentod unmittelbar droht.

Die Europäer müssen in Genf versuchen, die Serben für diesen Weg zu gewinnen, den zu gehen ihnen wenn schon nicht die Einsicht, so doch das Eigeninteresse gebietet. Der bevorstehende Winter in Bosnien würde sonst zur grauenhaften Bilanz bisherigen politischen Versagens. Ein Europa, das in Sarajevo 60 000 Kinder verhungern läßt, wäre nicht wiederzuerkennen. M.N.