Von Wolfgang Proissl und Robert Fahle

Die Helfer im ungarischen Flüchtlingslager bei Nagyatád hatten sich schon auf eine ruhige Nacht eingestellt, als kurz vor Mitternacht zwei überfüllte Busse am Haupttor vorfuhren. 116 Flüchtlinge aus Bosnien – fast ausschließlich Frauen, Kinder und alte Menschen – erreichten das Notaufnahmelager im Südwesten Ungarns mit letzter Kraft. Eine Frau brachte eine halbe Stunde nach der Ankunft einen kleinen Jungen zur Welt. Die ehemalige Kaserne in Nagyatäd, nahe der kroatischen Grenze, war für die Flüchtlingsgruppe aus Bosnien das Ende einer monatelangen Odyssee.

Eine junge Muslimin, Mutter von zwei Kindern, hatten serbische Soldaten vor drei Monaten aus ihrem Haus vertrieben. „Ohne Geld, ohne Kleidung haben sie mich ins mazedonische Skopje gebracht.“ Ihre Verwandten waren mittlerweile nach Kroatien geflohen: „Ich wollte zu ihnen und stieg deshalb in den Bus.“ Damit begann eine sieben Tage lange Irrfahrt unter größten Strapazen. Die bosnischen Busse durften nicht durch Serbien fahren. Sie nahmen einen Umweg über Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Doch die kroatischen Grenzsoldaten verweigerten den entkräfteten Flüchtlingen die Einreise: Kroatien mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern beherbergt bereits 700 000 Flüchtlinge. So kamen die Bosnier in das Notaufnahmelager in Nagyatád.

Über 2300 Menschen aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawien leben in diesem größten Flüchtlingslager Ungarns – in Gebäuden, die früher 800 Soldaten beherbergten. Täglich treffen neue Flüchtlinge ein, in Bussen, auf Ladeflächen von Lastwagen und manche auch zu Fuß. Egal, woher sie kommen, alle erzählen von der Zerstörung ihrer Häuser, vom Tod ihrer Familienangehörigen, von ihrer gewaltsamen Vertreibung. Eine 38jährige Ingenieurin aus Bosnien, die mit ihren beiden Kindern nach Nagyatád geflüchtet ist, klagt: „Mitte Juli bombardierten die Serben unser Haus. Ich ging mit den Kindern in den Keller. Als die serbische Infanterie anrückte, sind wir in den Wald gelaufen. Dort haben wir 22 Tage gelebt, sahen immer Rauch über der Stadt und hörten die Einschläge der Granaten. Wir aßen, was wir im Wald gefunden haben.“ Jetzt haust sie mit ihren Kindern in einem 26-Betten-Raum – Seite an Seite mit Serbinnen und Kroatinnen.

Um diese Menschen aufnehmen zu können, hatte das ungarische Innenministerium das leerstehende Militärgelände bei Nagyatád im September 1991 zu einem Flüchtlingslager umgebaut. Damals kam die Mehrheit der Vertriebenen aus Kroatien. Seit sich die Kämpfe auf Bosnien-Herzegowina konzentrieren, ist die Zahl der Flüchtlinge von dort schnell gestiegen. Heute leben rund 1700 Bosnier in Nagyatád, zusammen mit 170 Kroaten, ebenso vielen Ungarn, einigen Serben und Mazedoniern. Ursprünglich sollte das Lager nur zur kurzfristigen Notaufnahme dienen. Viele Flüchtlinge wie die sechzigjährige Bäuerin aus Kroatien müssen jedoch länger bleiben: „Ich möchte zurück, aber die Kampflinie ist nur 200 Meter von unserem Haus entfernt. Wir können nicht einmal auf unseren Acker, um etwas Mais oder Kartoffeln zu holen. Überall sitzen Scharfschützen.“

Bislang haben rund 30 000 Flüchtlinge das Lager passiert. Spannungen zwischen den 5000 Einwohnern der Kleinstadt Nagyatád und den Vertriebenen gibt es nicht. Im Gegenteil: Schließlich sind durch den Lagerbetrieb 120 Arbeitsplätze entstanden. Sichtlich stolz berichtet Lajos Györgös, der Leiter des Camps: „Als in einer Julinacht 1300 Flüchtlinge hier ankamen, die an der österreichischen Grenze abgewiesen worden waren, halfen viele Leute aus der Stadt mit, die unterernährten Menschen zu versorgen.“

Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber den Opfern des Bürgerkriegs zeichnet bislang die Ungarn aus. Von 60 000 Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien leben nur 3700 in den acht Lagern des Landes. Der Rest ist privat intergebracht – bei Familienangehörigen und Freunden, aber auch bei fremden Familien, die bereit sind, ihre Wohnung zu teilen.