Von Joachim Fritz-Vannahme

Bonn

Dem Kanzler macht die Lage auf dem Balkan angst. Mit britischer Empfindlichkeit in anderer Sache hatte er darum wirklich nicht gerechnet. Es gab schließlich Wichtigeres als diese paar Interview-Nebensätze, schwatzhaft dahingeplaudert und in eindeutig böser Absicht vom Daily Telegraph veröffentlicht. Doch jetzt war der Skandal da, das deutsch-britische Verhältnis gedrückt ...

Wir schreiben das Jahr 1908. Die Affäre um des Kaisers überbetonte Anglophilie, von den Briten mit Entrüstung beantwortet und für Reichskanzler von Bülow das Ende, ist seither jedem guten Geschichtsbuch ein paar Zeilen wert. Die Daily Telegraph-Affäre endete damals fast tragisch, und verglichen damit, hat der Leser der Londoner Blätter von heute es allenfalls mit einer Farce zu tun. Diesmal geht es in den britischen Zeitungen nicht um die gefährlichen Folgen des wilhelminischen Flottenbaus, sondern um die gefährdeten Grundlinien einer europäischen Föderation.

Gleichwohl, wer dieser Tage englische Gazetten durchblättert, die Financial Times, die Times oder auch den Daily Telegraph, dem werden aufgeregt Brüsseler Geheimpläne, Bonner Währungsintrigen oder ein angeblicher deutsch-französischer Zweibund für ein hard core Europe, für den harten Kern eines „Europa der zwei Geschwindigkeiten“, präsentiert, als gehe es da erneut ums Ganze. Der europaskeptische Leser in London wendet sich mit Grausen – und Pariser, Bonner oder auch Brüsseler Kreise dementieren empört.

So zum Beispiel zu Beginn dieser Woche: Der Sprecher des Auswärtigen Amtes bestritt energisch einen Bericht der Times, der eigentlich nur auftischte, was die Financial Times Ende September schon einmal auf ihrer ersten Seite serviert hatte. Angeblich gibt es danach einen deutschfranzösischen Plan für eine Wirtschafts- und Währungsunion im kleinen Kreis, der neben den beiden Vordenkernationen nur noch die Beneluxländer und sonst niemanden einschließen soll. Entworfen hätten den Geheimplan, so brachte es jedenfalls die Times unter die Leute, Helmut Kohl und François Mitterrand am 22. September im Pariser Präsidentenpalast, als die beiden die Lehre aus dem französischen Maastricht-Referendum zogen.

Kanzler und Präsident hatten am Ende ihres Gespräches damals getan, was Politikern besonders schwerfällt: Sie hatten geschwiegen und damit buchstäblich der Spekulation ihren Lauf gelassen. Erneut geriet der Franc unter Druck, die vielgeschmähte Bundesbank sprang stützend bei und erfreut sich seither in Paris einer freundlicheren Presse. Gewiß, Deutsche wie Franzosen wollten damit das Europäische Währungssystem retten, das nach dem Abfall von Pfund und Lira plötzlich als Torso dastand. Doch ihre Einheit weckte nur weiteres Mißtrauen und belebte erneut die Rede vom Europa der zwei Geschwindigkeiten.