Gerhard Köpf hat in seinem „Roman einer Autobiografie“ dem italienischen Baumeister und Kupferstecher Giovanni Battista Piranesi eine „fröstelnd kleinmütige Seele“ und einen veritablen Größenwahn verpaßt; wir finden den bizarren Architekturphantasten des 18. Jahrhunderts in „Piranesis Traum“ als zeitgenössischen Baumeister des Weltekels in der australischen Wüste. Dort will er das antike Rom im Wüstensand erbauen und den Felsen Ayers Rock abtragen lassen, weil er ihm die Sicht verstellt.

Piranesi gibt es noch. 1720 unter dem schwarzen Planeten der Melancholie geboren, 1778 in der „Verleumdungskloake“ Roms verreckt, hält Köpfs Piranesi Rückschau auf sein verpfuschtes und „danebengelebtes“ Leben und die ganze verhunzte Weltgeschichte. In einem inneren Monolog läßt der Autor seinen übersäuerten Vergeblichkeitsfanatiker den Rosenkranz der Weltübel nachbeten. Piranesi holt bei seinen Geiferarien gern die verbale Keule aus dem Sack. Gründe gibt es übergenug: sein treuloses Weib Angelica, das als „Wanderpokal“ einen Triumphzug durch die Betten seiner Widersacher hält und immer mehr zur Vanitas-Ikone seiner Sehnsucht avanciert; die Kritiker, die die „eigenen Fürze als Ereignis feiern“; die katholische Kirche und immer wieder Winckelmann, den deutschen Kunstapostel, einen Wetterhahn im Wind der Macht, schwul, sächselnd, pickelig, die Taschen vollgestopft mit Empfehlungsschreiben. Der erkenntnistheoretische Gewinn dieses endlosen Gezeters fällt mitunter freilich etwas dürftig aus: „Winckelmanns Schönheitskult führt auf direktem Weg in die Gaskammern.“

„Ich glaube an die schöpferische Macht der Kombinatorik und des Amalgamierens“, legt der Germanist Köpf seinem „lieben Freund und Kupferstecher“ in den Mund, doch hat er dieses ästhetische Rezept etwas zu vertrauensselig auf das eigene Unternehmen übertragen. Der Köpfsche Piranesi verfügt über ein profundes kunsthistorisches Wissen, über einen monströsen Wiederholungszwang und über eine Wut im Bauch, die der Rezensentenschelte des Autors – für seinen Roman „Eulensehen“ wurde er von der Kritik arg gezaust – literarische Weihen verleiht.

Klageweib, Kassandra und Schulmeister in eigener Sache, intoniert Köpfs Kaltnadelphantast in einer uferlosen Suada aus kunsthistorischen Exkursen und weltumspannender Endzeitapologetik einen bernhardesken Schluckauf der Vergeblichkeit. Den obsessiven Litaneien seines wahlverwandten Ahnherrn kann er freilich nicht das Wasser reichen: Von großer poetischer Leuchtkraft, wenn der Erzähler die schwindelerregenden Perspektiven des italienischen Kupferstechers als literarische Vision entfaltet, münden Piranesis Haßtiraden schnell in der Endlosschleife misogyner Allgemeinplätze.

Köpf hat in seinem fünften Roman die angestammte Erzählprovinz seiner bayerischen Voralpensaga verlassen und die Piranesischen „Carceri“ zur Folterkammer des Weltgeistes geadelt. Sein italienischer Baumeister und „Zertrümmerungsverehrer“ ist ein alpträumender Prophet der schöpferischen Imagination und insofern schon eine Mystifikation des Schriftstellers. Freilich: „Ein Träumender kann, innen in seinem Traum, seinen Traum nicht erklären.“ Darum springt Köpf seinem Helden wortreich und bildungsbeflissen zur Seite. Das ist die Crux eines Buches, dessen betörende Passagen eine wachsende Ungeduld beim Lesen nicht in Schach halten können, „Großer Architektur geht immer ein Traum voraus.“ Große Literatur hätte ihn erfunden.

Andrea Köhler

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