Von Andreas Kuhlmann

Die Verhältnisse sind diffus, unübersichtlich – zumindest auf den ersten Blick. Je schwieriger die Frage zu beantworten ist, was im konkreten politischen Fall richtig oder falsch, was moralisch oder unmoralisch ist, desto, größer wird für manche die Versuchung, bei markigen, martialischen Sprüchen Zuflucht zu suchen.

Der Bulgare Ivailo Ditchev überraschte jetzt auf der Frankfurter Buchmesse das Publikum mit der Bemerkung, ausgerechnet die osteuropäischen Revolutionen, die den Kommunismus stürzten, seien von der Sehnsucht nach einem neuen Klassenkampf inspiriert gewesen. Die Klassenverhältnisse seien im Realsozialismus eingefroren und kaschiert worden, nun aber habe sich das Bedürfnis, Freund und Feind zu scheiden, Luft gemacht. Das Dilemma der ostdeutschen Revolution hingegen – so haben uns jetzt Heiner Müller, Karl Heinz Bohrer und Wolf Biermann wissen lassen – soll gewesen sein, daß dieses Bedürfnis nach einem neuen revolutionären Klassenkampf hierzulande praktisch nicht vorhanden war. Deshalb habe man die Chance versäumt, die Repräsentanten des DDR-Regimes zu lynchen.

Die Sorge hat um sich gegriffen, daß der unspektakuläre Übergang von der friedlichen Revolution der runden Tische zur Politik nach formaldemokratischem Procedere die Gesellschaft nicht befreit, sondern eher vergiftet habe. Hat sich also doch „demokratische Melancholie“ breitgemacht, wie Pascal Bruckner bereits vor zwei Jahren diagnostizierte? Nur der Kampf mit dem Reich des Bösen, so schrieb Bruckner, könne die Demokraten im Glauben an sich selbst bestärken und sie zum Einsatz für das gefährdete Gemeinwesen bewegen.

Ganz in diesem Sinne hat Ernst Nolte kürzlich in einer weit ausgreifenden Besprechung einer Neuauflage von Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ in der FAZ seine Sorge darüber zum Ausdruck gebracht, was mit einer Gesellschaft geschieht, der eben diese „Feinde“ abhanden gekommen sind. Jetzt, da die Bedrohung durch das Sowjetimperium wegfiel, so fürchtet Nolte, drohe der Westen in einen „todverneinenden“, den „Opfertod“ ablehnenden Zustand zu verfallen: „Eine Gesellschaft aber, die im Interesse des Lebens der Individuen die Opferbereitschaft von Soldaten, Polizisten und Frauen nicht mehr überzeugend begründen kann, ist in all ihrem Individualismus eine antiindividuelle, nämlich sterbende Gesellschaft.“

Das Krebsgeschwür des entfesselten Individualismus hat seinen Krankheitsherd für Nolte in dem Gründungsversprechen der ersten modernen westlichen Demokratie: „Sobald es nach der berühmten Formel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung überall nur das .Streben nach Glück’ der Individuen gibt, könnte sich die Gesellschaft in ein Aggregat von Egoismen verwandeln, wo eine Unendlichkeit freier Impulse das gesellschaftliche Ganze in ein undurchschaubares und frustrierendes Ungeheuer verwandelt, so daß wechselseitige Abstumpfung oder Lähmung die Folge sein könnte, ganz wie die Unzahl der frei beweglichen Kraftwagen auf überfüllten Straßen sich selbst zum schlimmsten Hindernis wird.“

Sogar Francis Fukuyama, der zu Unrecht als platter Apologet des westlichen Status quo gilt, befällt Pessimismus, wenn er über den inneren Zusammenhalt der demokratischen Gesellschaften nachsinnt. In den pluralistischen und permissiven Gesellschaften des Westens macht sich, wie Fukuyama mit Nietzsche sagt, ein Gewimmel von „letzten Menschen“, von „Menschen ohne Rückgrat“, von „Tieren“ also, breit. Die Menschen folgen nur noch ihren niederen Instinkten, vergessen aber alle höheren Werte des Gemeinwesens. An diese Werte würden die Menschen erst wieder erinnert, wenn sie aus ihrer saturierten Lebensweise herausgerissen und genötigt wären, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Fukuyama stellt deshalb fest: „Eine liberale Demokratie, die alle zwanzig Jahre einen kurzen, entschlossenen Krieg zur Verteidigung ihrer Freiheit und Unabhängigkeit führen könnte, wäre bei weitem gesünder und zufriedener als eine Demokratie, die in dauerhaftem Frieden lebt.“