Von Christian Wernicke

Der Damm verbindet zwei Welten. In Baroda, einem staubigen Provinzstädtchen in Westindien, hockt Medha Patkar in ihrem „Büro“. So nennt die kleine, zähe Frau dieses Hinterzimmer. Kein Stuhl, kein Telephon – nur ein paar vergilbte Broschüren liegen in der Ecke herum. Die 39jährige Sozialarbeiterin streicht sich ihre schwarz-grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht und lacht, während sie ein zerknittertes Flugblatt hervorkramt. Mit rauher Stimme liest sie den Slogan ihrer „Bewegung zur Rettung der Narmada“ vor: Dubenge par hatenge nahin – frei übersetzt: „Wir werden ertrinken, aber wir werden nicht weichen!“

Derweil ertrinkt Hans-Peter Repnik in Post. 500 vielleicht auch schon 700 giftgrüne Karten stapeln sich im Vorzimmer des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bonner Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). „Seit bald zehn Jahren“, seit dem Streit um die Nato-Nachrüstung, will der CDU-Politiker „nicht mehr so viel Post zu einem einzigen Thema“ bekommen haben. Umweltschützer aus Repniks politischer Heimat in Radolfzell fordern: „Keine Ver-DAMMung für die Narmada.“ Der deutsche Entwicklungsexperte weiß: Diese Wähler stehen der fernen Frau in Indien näher als ihm.

Narmada – das ist Indiens fünftgrößter Strom. Viele Menschen bei Baroda verehren den Fluß als Göttin; manche Politiker in Bonn verfluchen den Damm inzwischen als milliardenschweres Teufelswerk. So weit geht Hans-Peter Repnik nicht. Aber ihm wäre sichtlich wohler, gäbe es nicht 6200 Kilometer von seinem Amt entfernt jene gigantische Baustelle, wo eine bald 163 Meter hohe Staumauer zum Himmel wächst.

Es war nicht Repniks Entscheidung, in Südasien eine Viertelmillion Kleinbauern mit Vertreibung zu bedrohen und Menschen wie Medha Patkar zu selbstmörderischen Protesten zu treiben. Und doch trägt der freundliche Staatssekretär im dunkelblauen Anzug für eines der weltweit umstrittensten Entwicklungsprojekte wenigstens einen Bruchteil der Verantwortung.

Ganz genau genommen 5,58 Prozent Verantwortung – so jedenfalls rechnen es deutsche Umweltschützer, Menschenrechtler und entwicklungspolitische Gruppen derzeit Hans-Peter Repnik vor. Mit 5,58 Prozent der Stimmrechte ist Deutschland nämlich – nach den Vereinigten Staaten und Japan – der drittgrößte Teilhaber an der Weltbank. Diese „Bank für die Armen“ bewegt nicht nur jährlich Hilfekredite von etwa zwanzig Milliarden Dollar von Nord nach Süd; ihre Zentrale in Washington gilt auch als Hort entwicklungspolitischer Expertise. Was die Weltbank denkt und tut, das gereicht manchem Industriestaat zum Vorbild der eigenen Politik.

Vor nunmehr sieben Jahren beschloß die Weltbank mit den Stimmen auch ihres deutschen Anteilseigners, der indischen Regierung 450 Millionen Dollar zu leihen. Das Geld sollte helfen, im Narmada-Tal einen Traum von Staatsgründer Nehru zu verwirklichen: Staudämme seien „die Tempel des modernen Indien“. Noch heute versprechen indische Politiker ihrem Volk „ein Zeitalter des Überflusses“, werde nur endlich der alte Plan für „das größte Wasser-Entwicklungsprojekt im Lande und vielleicht in der Welt“ in Beton gegossen: Elf Riesendämme, 135 Staumauern und über 3000 kleine Wälle würden den Fluß bändigen, ein Kraftwerk solle 1200 Megawatt Strom liefern, ein 75 000 Kilometer langes Kanalnetz könne 30 Millionen Menschen mit Wasser versorgen; all das schaffe im dürren, armen Westindien eine Million neuer Arbeitsplätze.