Von Hans Harald Bräutigam

Nicht nur Journalisten und Historiker, auch Ärzte können die Überbringer zeitgeschichtlich interessanter Informationen sein. Ein Beispiel dafür lieferte das angesehene Journal of the American Medical Association (JAMA). In der jetzt erschienenen Ausgabe ist der Obduktionsbericht der beiden amerikanischen Pathologen veröffentlicht, die die Leiche von John F. Kennedy nach dem Attentat von Dallas im November 1963 untersuchten. Auch nach dreißig Jahren wirkt ihre Diagnose sensationell: Die Amerikaner erfahren jetzt, daß ihr bewunderter junger Präsident ein schwerkranker Mann war.

John F. Kennedy litt an einer schweren Addison-Erkrankung, die zum Verlust der Hormonproduktion der Nebenniere geführt hatte. Die drüsigen Strukturen auf dem oberen Pol seiner rechten und linken Niere waren zu über neunzig Prozent zerstört. Aus solchen Schäden resultieren schwere, zum Tode führende Hormonstörungen.

Schon seit dem Jahre 1947 wußte John F. Kennedy, wie es um ihn stand. Als er wegen ständiger Müdigkeit, ungeklärter Fieberschübe und Magenschmerzen Sir Daniels Davis, den prominenten Hausarzt der Familie Churchill, konsultierte, konnte er keine Zweifel haben, welche Krankheit ihn plagte: Es war die Hautbronzekrankheit – das von Sir Davis schnell erkannte, wie Sonnenbräune aussehende Leitsymptom einer damals unheilbaren Störung der Nebennieren.

Der englische Arzt Thomas Addison hat 1855 als erster diese seltene Erkrankung und das Erlöschen der Patienten in einer qualvollen adrenalen Krise beschrieben: Sie welken regelrecht dahin, Blutdruck und Herzleistung sinken so stark ab, daß jede körperliche und geistige Tätigkeit zum Erliegen kommt. Von einer Rettung vor Siechtum und Tod durch eine Therapie mit Hydrocortison war damals nichts bekannt. Erst 1948 gelang dem amerikanischen Biochemiker Edward Kandell und seinem ärztlichen Kollegen Philip Hench die Synthese der wichtigsten Hormone der Nebenniere. Beide haben später den Nobelpreis und Kennedy das für ihn lebenserhaltende Hydrocortison erhalten.

Damit war aber nicht sein Leiden geheilt. Denn die Unterdrückung des Hormonmangels bei der Addisonschen Erkrankung gelingt nur in hoher und oft wechselnder Dosierung, die der jeweiligen körperlichen und seelischen Belastung des Erkrankten genau angepaßt werden muß. Bei nicht ausreichender Dosierung kann die adrenale Krise schon bei einer banalen Infektion oder Verletzung drohen.

Auf dem schmalen Grat, der zwischen Unter- und Überversorgung mit Hydrocortison liegt, mußte Kennedy sein Leben lang wandern. Seine Ärzte haben ihn, wie das heute auch bei Zuckerkranken üblich ist, zur Selbstbehandlung, zur morgendlichen Cortisoninjektion, angeleitet. Sobald er bemerkte, daß seine Leistungsfähigkeit nachließ, weil die Dosis zu gering war, erhöhte er die Hydrocortisonzufuhr vorübergehend. Im Verlauf der Erkrankung wird der Patient von dem Medikament abhängig. Addison-Kranke, die ihr schleichendes Leiden verbergen, erliegen rasch der Versuchung, die Dosierung zu erhöhen, weil sie glauben, daß mehr Medikamente auch mehr helfen. Dabei werden die Nebenwirkungen der Therapie deutlich: Unrast und Umtriebigkeit stellen sich ein. Aufmerksamen, aber verschwiegenen Beobachtern des Patienten sind Nebenwirkungen der Addison-Therapie vermutlich nicht entgangen.