Ja sind wir denn verrückt? Daß Deutschland eine Kulturnation ist, wird nur noch in Sonntagsreden behauptet. Darf aber ein auf Export angewiesenes Reich der Wirtschaft sich seine Wurzeln, Märkte, die eigene Zukunft zerstören?

Gut, unser Land gibt viel Geld aus für eine „Internationale Konferenz für ein neues Europa“, die vom 17. bis 23. Oktober in Thomasberg bei Bonn stattfindet, mit erlauchten Teilnehmern aus aller Welt, unter dem Titel „Informationspolitik als Kulturpolitik“. Die Wirklichkeit? Sieht zum Beispiel so aus: Seit dem 1. August müssen Bürger, die sich in der Öffentlichen Bibliothek in Aachen informieren wollen, für eine CD-Platte oder ein Video eine Mark bezahlen.

Was ist schon eine Mark! So geht’s los, mit zehn Pfennig, mit einer Mark, immer wieder. Bei jeder noch so kleinen Krise wird dort was abgeschnitten, wo die Leute – wie Bürokraten und vor Wahlterminen bangende Beamte erwarten – am leisesten Aua! schreien, bei der Kultur, bei dem, was ein Land zum Leben doch auch braucht, bei der Literatur, bei den wenigen, die noch lesen, bei den inzwischen vielen, die sich Bücher nicht mehr kaufen können, sondern aus der Bibliothek leihen müssen.

Allein in den Öffentlichen Büchereien der neuen Hauptstadt sind in diesem Jahr schon über hundert Stellen gestrichen worden. Bis Kohl und seine Regierung nach Berlin umzuziehen geruhen, sagen wir mal großzügig: bis 1997, wird der Senat weitere 300 Stellen in Bibliotheken streichen. So schafft man blühende Landschaften.

Ist es ein Wunder, daß wir in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift Buch und Bibliothek, in der wir diese Schreckens-Zahlen lesen, auch einen bös resignierten Aufsatz finden über das Berufsbild der Bibliothekarin, unter dem Titel „Altjüngferlich – mit Brille und Dutt“ – strotzend von (gutgemeinten!) Zitaten: „Die Bibliothekarin kam ihm vor wie ein großer verzerrter Buchstabe. Ihre Stimme erinnerte an das Rascheln der Blätter ... Sie hatte eher Ähnlichkeit mit einer Eule als mit einem Menschen“ (Ilja Ehrenburg, „Der zweite Tag“).

Deutschlands Bibliotheks-Spezialisten – Kreuzung von Eule und Falke – haben erkannt, daß sie einen zweiten Tag zwischen ihren von Finanz-Politikern leergeräumten Regalen nur noch haben, wenn sie sich wehren. So beginnt der Aufschrei der Bibliotheks-Leute des Goethe-Institutes (GI) im Ausland: „Wir haben es bis zum Überdruß vernommen: Unsere Regierung muß und will endlich sparen. Nahezu lautlos aber lassen sich Einsparungen an Kultur-Etats machen. Der Rechnungsprüfungs-Ausschuß des Bundestags verlangt, das Gl solle 27 Bibliotheken im Ausland schließen.“

Kann der Ausschuß rechnen? Eingespart würde nicht einmal ein einziges Prozent des gesamten Goethe-Etats. Der Schaden? Mit keinem Rechenschieber zu kalkulieren: „Weggespart würden eine halbe Million deutscher Bücher, Zeitschriften, Medien als das zuverlässigste und effektivste Informationsmaterial über unser Land und seine Menschen. Wer an Bibliotheken spart, spart an einem Grundnahrungsmittel der Demokratie.“