Von Freddie Röckenhaus

Nie mehr wird dieses Hamburger Polizeiboot dasselbe sein. Die Gangway: für immer von ihren Schritten geadelt. Die Reling: von ihr berührt. Der Fleck, an dem sie stand, bei ihrer Überfahrt vom „Hotel Atlantic“ zum Alsterpavillon: Nie wieder wird hier der Möwendreck von Bord geschrubbt. Und erst der Stuhl, auf dem sie dann am Ort der Huldigung gesessen, gegessen und – wie Bild weiß – gelächelt hat. Salzarme Kost vom eigenen Koch! Dazu Mineralwasser und Margueritas. Alles unter der Obhut von zwei schwarzen Leibwächtern, Mike Tysons großen Brüdern. Mannsgebirge, denen man nicht einmal die Hand zu schütteln wagte, aus Angst vor Invalidität. Und recht so. Eine Göttliche berührt man nicht. Es sei denn, man arbeitete für ihre Plattenfirma und näherte sich rutschend auf den Knien.

Auch Sylvia wird nie mehr dieselbe sein. Nicht allein, daß sie Madonna sehen durfte, an jenem Mittwochabend im Alsterpavillon, gar mehrere (englische) Worte mit ihr wechseln – nein, Madonna selbst faßte ihren Arm und fragte sie etwas. Dabei war Sylvia nur eine kleine Serviererin vom Gastronomie-Service. Doch ihre bezaubernde Erscheinung rührte Madonnas Herz, so nett hatte sie sich hergemacht: rotblonde Locken, ein nie versiegendes Lächeln, ein schwarzes Korsettchen mit baumelnden Strumpfhaltern und dazu – le dernier cri – schwarze Kniestrümpfe. Ganz Madonna. Unter all den Models und Matronen, hanseatischen Versicherungsangestellten, stern-Reportern und steifen Müller-Westernhagens warst Du, Sylvia, die einzige, die Madonnas Wohlgefallen fand. Oh Madonna, warum bist du so groß und weise?

Ganz einfach ist es schließlich nicht, die ganze Oberflächlichkeit der Zeiten in die eigene Kunstfigur, in sich selbst zu projizieren. Doch die Kampagne rollt. Letzte Woche Hamburg, diese Woche Paris, übermorgen die ganze Welt. Ein Star zu sein ist Madonnas wahres Genre, ihre Profession. Nicht Platten, Videos, Nacktphotos sind die Produkte von Madonnas Schaffenskraft. Madonna selbst ist es, als Gesamtinszenierung der modernen Massenkultur, als Kunstwerk, das erst zum Kunstwerk wird, wenn es Überlebensgröße erreicht. Warum sonst sollten wir den Waschtisch bewundern, an dem Madonna sich die Zähne putzt?

Simulation heißt das Phänomen, aus dem Pop besteht und die ganze Massenkultur. Und doch gibt es immer noch Leute, die glauben, Selbstinszenierung sei nur Mittel zum Zweck – etwa als pure „Vermarktung“ einer anderen Ware. Leute, die glauben, es ginge darum, schön zu singen, virtuos ein Instrument zu spielen, überzeugend zu schauspielern. Dabei ist es das Wesen von Pop, stets Kommentar zur Zeit zu sein, wie unterbewußt und unbeabsichtigt auch immer. Erfolgreich, massenkonsumierbar ist am Ende nur, was die Stimmung der Zeit tatsächlich transportiert – ob Herzilein oder Techno-Hammer. Und Madonna, die verruchte Pop-Ikone, spielt die Medien-Klaviatur wie keine andere. Ihre Inszenierung steht für alles Unechte, Unehrliche, für das geile Plastik-Zeitalter, für virtuosen Schein und virtuelle Wirklichkeiten, für Gier nach Geld und Sex und Macht und möglichst viel von allem. Madonna ist wie Andy Warhol, der Tomatensuppen-Konservendosen als Symbol des American way of life entlarvte und dem banalsten Konsum- und Wegwerf-Objekt zu dem Podest verhalf, auf dem es der Bedeutung nach längst schon stand.

Madonnas Kampagne ist ihr Kunstwerk, wie der trash, der Müll, den Warhol als wahres Mysterium der modernen Welt erkannte. Und wie Warhol wiederholt Madonna ihr Sujet, variiert es, zitiert die billigen Schablonen der Alltagskultur und persifliert sich selbst: Madonnas neues Buch, am Rande der Pornographie; es will nur die Frage aufwerfen, wie weit sie wohl beim nächsten Mal noch gehen könne. Das neue Video, das sicher Fernsehintendanten finden wird, die dumm genug sind, es auf den Index zu setzen (was mit zum Plot gehört). Die neue Platte schließlich, „Erotica“, mittelmäßiger Dancefloor-Schrott, aufgewertet durch ihre üblichen ein, zwei Hits. Doch Popstars müssen Platten (oder Filme) machen, selbst wenn diese längst keine Bedeutung mehr haben.

Das Konzept aber geht auf. Ist sie wirklich so klein? Strahlt sie? Ist sie blöd? Wie nackt war sie? Ist das alles echt? Fragen über Fragen, die jeder der 309 sterblichen Gäste nach dem Hamburger Madonna-Abend über sich ergehen ließ wie selten zuvor. Wer sein eigenes kleines Leben dem Gesamtkunstwerk „Startum“ opfert, wie Madonna es tut, der kann auch kleinste Steine ins Wasser werfen, um große Wellen zu erzeugen. Der schafft sich eine Bühne, für Statements, Haltungen, Kommentare. Und der verschwendet seine Lebenszeit zwischen den gaffenden Komparsen des endlosen Selbst-Happenings.