Es sind dreihundert. Nämlich Jahre, die die Wiener Akademie der Künste (der bildenden!) alt ist. Da hat sie, die Akademie in Gestalt ihrer Projektleiterin (project director) Elisabeth Schweeger, eine Idee gehabt: nämlich Greenaway, Peter. Und Greenaway, die Idee der Wiener Akademie in Gestalt eines englischen Filmregisseurs („Der Kontrakt des Zeichners“, „Der Bauch des Architekten“ und zuletzt, unguten Angedenkens: „Prosperos Bücher“), hatte auch eine Idee, nämlich zwei. Eine Ausstellung wollte er machen und noch eine, aber nicht an zwei, sondern an drei Orten, macht zweidrittel Ausstellungen pro Ort. Mit hundert Greenaway-Ideen pro Ausstellung, macht sechsundsechzigkommasechs pro Ort, macht zweihundert insgesamt. Aber so ist es nicht. Nicht ganz. Also noch einmal von vorn: durchzählen!

Eins, zwei, drei. Im Gebäude der Wiener Kunstakademie am Schillerplatz gähnt ein langer Gang, in dem fünfzig Gemälde aus Wiener Gemäldesammlungen hängen, ausgewählt und ausgestellt von Peter Greenaway, plus fünfundzwanzig Schwarzweißphotos von Gemälden aus Wiener Gemäldesammlungen, die Peter Greenaway nicht hat ausstellen dürfen. Da gibt es einen Franz Hanslab („Selbstbildnis, um 1800“), einen Rubens, einen Tom Wesselman, zwei Kopien nach Tizian, einen Cranach, zwei Spranger, einen Picasso, einen Paolo Fiammingo, einen Schiele, einen J.M. Rottmayr und zuletzt einen David Teniers d.J. („Salome mit dem Haupt des Johannes des Täufers“). Und weil die Ausstellung „100 Bilder zur Ehre der Liebe – Teil Eins – Das Physische“ heißt, hängen unter den Bildern kleine weiße Tafeln, konzipiert und plaziert von Peter Greenaway. EIGENLIEBE steht da und LIEBE ZU FRAUEN, aber auch LIEBE ZUM GELD und KINDERLIEBE und WEIBLICHE RACHE, jeweils passend zu den Bildern, die sich mit Nymphen und Satyrn und Göttinnen und Geldwechslern mühen, zu den Täfelchen zu passen. Um die Ausstellung zu durchmessen, braucht man dreiundsechzig bis sechsundsechzig Schritte, und genau siebenundsechzig Sekunden dauert es, bis man sie vergessen hat.

Nach dieser halben gibt es im Semper-Depot der ehemals k.u.k. Hoftheater, Lehargasse 6, eine Achtel-Ausstellung: „100 Objekte zeigen die Welt – Teil Eins“. Warum nicht auch „Das Physische“? Weil es hier psychophysisch zugeht: Ein Scheinwerfer am Eingang wirft den Schatten des Besuchers auf eine Wand, eine von Blitzen durchzuckte Wolke aus Gips und Gaze schüttet ziemlich abstrakten Regen auf hundert konkrete Regenschirme, ein gefällter Baum verbreitet Melancholie und eine Leichenkutsche Totensonntagstrauer. Es geht ums Ganze: Wasser, Erde, Luft. Und wo ist „Gott“ (Objekt Nr. 13)? Da, eine Schrift auf der Wand: „Wer sind wir? Wohin gehen wir? Was soll das alles bedeuten?“ Es bedeutet Gott! Ein Maurer steht davor und mauert eine Mauer. Wie viele Ziegel schafft er am Tag? „Hundert.“ Und wieviel Tage dauert die Ausstellung? „Neununddreißig.“ Eigentlich schade.

Die restlichen sieben Achtel von den hundert Siebensachen stehen, liegen, hängen und schlafen in der Hofburg, Heldenplatz 1. Schlafen? In Saal fünf schläft Patricia Höfle (Name lt. Ausstellungsverzeichnis) für Peter Greenaway (Nr. 58: „Schlaf“). Die Aufseherin: „Die schläft wirklich. Sie arbeitet die ganze Nacht.“ Im Treppenhaus stehen zwei junge nackte Menschen schamhaft in einer Glasvitrine und bedeuten „Adam und Eva“ (Nr. 14). Das „Baby“ (Nr. 33) hingegen fehlt: Arbeitspause. Mozarts Totenschädel (Nr. 43) ließ sich von der „Internationalen Stiftung Mozarteum“ entschuldigen, und vom Schwein (Nr. 85) sieht man nur den Stall.

Aber sonst! Sonst prangen die Güter dieser Welt. Wien hat gespendet, Wien hat geliehen: 100 Ventilatoren die Firma Heinisch, 100 Gewehre die Firma Obernigg, 100 Mikrophone die Firma AEG, 100 Brillen die Firma Optik Maurer und die Caritas, 100 Musikinstrumente die Firmen Preisinger, Braitner, Lang, Stelzhammer, Katlec und Weiss. 100 Rüstungen gab das Kunsthistorische, 100 Panzertiere und 100 Vogelohrknochen das Naturhistorische Museum („Vermächtnis des weiland Herrn Carl Schlag Ritter von Scharhelm, k.k. Baurates zum Andenken an seine Gemahlin Therese Schlag von Scharhelm, gestiftet 1884 und 1909“), 100 Pfeifen das Tabakmuseum, 100 Gipsbüsten und 100 Marmorfragmente die Glyptothek. Die 100 Handschuhe jedoch (Nr. 95) haben einen berühmten Eigentümer: „Privatbesitz Peter Greenaway“.

Manche Sachen sind nur zehnmal da: Kettensägen, die Venus von Willendorf, Tafeln und heilige Bücher. Andere gibt es gar nur einmal: eine Mumie, eine Mozartpartitur, eine Badewanne, einen abgetrennten Kopf, einen Weihnachtsbaum. Aber wenn man endlich das hundertste Objekt der Schau erreicht hat, kommt es einem vor, als hätte man sie mindestens hundertmal gesehen.

Die Nr. 100 der Ausstellung ist der Ausstellungskatalog. Darin erklärt Peter Greenaway den Wienern und den Menschen, daß er es mit seinem „prahlerischen, sich selbst verspottenden Ziel, so allumfassend enzyklopädisch zu sein“, gar nicht so ernst gemeint hat. Ironie in Wien! Die wahre Ironie bestünde darin, die Ausstellung hundertmal zu wiederholen, bis zum nächsten großen Wiener Akademiejubiläum: „100 Ausstellungen zeigen die Welt“. Hundert, hundert! Und dann ab damit ins All. Andreas Kilb