Von Fredy Gsteiger

Stockholm

Es war alles vorhanden für eine mächtige Demonstration: eine spritzige Rockband, plärrende Lautsprecher, das Fernsehen mit ganzen Batterien von Kameras, Transparente, die gegen „Kalle“ (Ministerpräsident Carl Bildt) vom Leder zogen, und Tausende von protestierenden Bürgern. Doch eines fehlte vorige Woche auf Stockholms zentralem Platz, dem Sergels Torg: die Wut. Weder wurden gehässige Reden geschwungen, noch ließ sich aus den Flugblättern blinde Empörung lesen. Trauer und Enttäuschung prägten die Kundgebung. Aber auch Einsicht, daß sich Schweden den zuletzt überbordenden Sozialstaat schlicht nicht mehr leisten kann.

Die Zeiten sind vorbei, als die Menschen sich darauf verlassen konnten, jedes erdenkliche Problem werde der allgegenwärtige, fürsorglich gängelnde Staat schon richten. Zum erstenmal seit langem glaubt die Mehrheit der Schweden nicht mehr, die Zukunft werde rosiger aussehen als die Gegenwart. „Wir haben Angst“, sagt ein stämmiger Arbeiter auf dem Sergels Torg. Kein Wunder, daß allein bei Psychopharmaka die Verkaufszahlen nach oben weisen. An Krisen sind die Schweden nicht gewöhnt.

Dennoch werden nun keine Sündenböcke gesucht, etwa bei der Europäischen Gemeinschaft, in der Regierung, unter den Wirtschaftsführern. Der Unmut richtet sich auch nicht gegen die Ausländer, von denen, gemessen an der Bevölkerung, in Schweden viel mehr leben als in Deutschland. Im Gegenteil: Die Politiker haben in den Augen vieler Schweden ihre Handlungsfähigkeit bewiesen, Sie haben ein paar Punkte auf der Beliebtheitsskala gutgemacht, seit die bürgerliche Vier- parteienregierung unter Carl Bildt gemeinsam mit den oppositionellen Sozialdemokraten, der immer noch größten Partei, ein Krisenpaket ausgearbeitet hat, das einschneidender nicht sein könnte. Das liebgewordene Folkshemmet, das nordische Volksheim, wird demontiert.

Renten werden gekürzt. Das Ruhestandsalter steigt auf 66 Jahre. Wer krank wird, bekommt am ersten Tag kein Gehalt, am zweiten 65 und am dritten 80 Prozent. Wohnungsbeihilfen fallen weg. Das lange versprochene Erziehungsgeld wird auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Benzin wird pro Liter eine Krone (0,25 Mark) teurer, Zigaretten je Packung drei Kronen. Vom Jahresurlaub werden zwei Tage abgeknapst. Und das bisher vom Staat getragene Renten- und Krankenversicherungssystem wird Schritt für Schritt privatisiert. Leistungskürzungen sind abzusehen.

Ausgerechnet Schweden, das mit seinem Sozialmodell den Bürgern ein streßfreies, sorgenloses Erwerbsleben bieten wollte, muß sich nun auf eine erbarmungslose Roßkur einstellen. Bis zu 1200 Kronen (350 Mark) dürfte das Krisen-Sparprogramm, das Ministerpräsident Bildt vergangene Woche vorstellte, jeden Haushalt monatlich kosten.