Fünfeinhalb Stunden dauerte Dieter Doms „König Lear“ an den Münchner Kammerspielen – danach verließ man das Theater auf leichten Füßen, mit einem gelüfteten Kopf. Frank Castorf, der neue Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wird mit Shakespeare drei Stunden schneller fertig – und doch ist der kurze Abend wie eine bleierne Nacht.

Dabei beginnt die Berliner Aufführung verheissungsvoll – als wolle sie alle ihre Verächter blamieren. Als sei nach dem „Macbeth“ nun auch der „König Lear“ dem bösartigen Kindskopf Alfred Jarry und seinen Erben in die schmutzigen Hände gefallen. Am Anfang von „König Ubu“ wird „Scheiße“ gerufen und mit der Klobürste gefuchtelt; am Anfang von Castorfs „König Lear“ wird der Hintern gezeigt und ins Blecheimerchen gepißt. Wenn die Macht stirbt, sagt Castorf, ist das ein Spaß und vielleicht ein Schrecken – aber bestimmt kein Anlaß für gerührtes Schaudern. König Lear (Wilfried Ortmann) ist folglich kein blinder Gottvater auf Erden, kein tragischer Weltenlenker, sondern ein hagerer Rentner mit Purpurumhang. Wenn er sich die Schuhe zuschnüren will, reißen alle Bänder. Sein ganzes Unglück ist wohl nur ein blödes Pech.

Leider bleibt vom bekannten und vielfach bewährten Spaß-Terror des Regisseurs Frank Castorf nach einer Weile nur noch der Terror übrig. Castorfs Gründlichkeit als Provokateur zertrampelt Castorfs Phantasie: ein deutsches Desaster. Zu Beginn hoffte man noch, in der Berliner Volksbühne werde der bisher nur trübe flackernden Theatersaison endlich ein helles, kaltes Licht aufgesteckt. Am Ende hockt die Aufführung, und mit ihr der Zuschauer, in einer lärmenden Theater-Finsternis aus dumpfer Ehrfurcht und stumpfer Vernichtungswut.

Mehr hierüber nächste Woche, wenn Jürgen Flimm am Hamburger Thalia Theater seine Version von Shakespeares Geschichte gezeigt haben wird. Wenn wir wissen, was für ein König Lear Will Quadflieg ist, Benjamin Henrichs