Lange schon ist sie uns nicht mehr begegnet, weder auf der Bühne noch im wirklichen Leben. Ausgerechnet im ganz unrevolutionären Stuttgart taucht sie nun noch einmal – oder schon wieder? – auf. Der Chor der befreiten KZ-Flüchtlinge trägt sie bei sich. Für einen kurzen Moment nur wird sie hochgehalten; dann liegt sie, mehr fallen gelassen als ausgebreitet, einsam im schwarzen, leeren Bühnenkasten der Staatsoper, bis das Licht erlischt; ein fremdes Erinnerungsstück an eine ferne Zeit: die rote Fahne.

Als provokatorisches Zeichen linker Solidarität wider die herrschenden Verhältnisse taugt sie an diesem Abend kaum mehr. Im Schlußbild des ersten Teils von Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ wirkt sie in der neuen Stuttgarter Inszenierung eher wie ein historischer Verweis denn antifaschistischer Widerstand; Klassenkampf und die Anklage jeder Form von Unterdrückung waren für den italienischen Komponisten vor allem in den sechziger und siebziger Jahren die zentralen Antriebe seiner künstlerischen Arbeit.

Gewiß war Nono, der einst als Mitglied der KPI bis ins Zentralkomitee der Partei aufrückte, in seiner Kunstauffassung viel zu „elitär“, als daß er seine Musik bloß dienend in den Dienst einer Ideologie gestellt hätte oder gar in plakativen Agitprop verfallen wäre. Durch seine erste Komposition für die Musiktheaterbühne, die er „szenische Aktion“ nannte und die in der Tat mit der bürgerlichen Kunstform Oper wenig gemeinsam hat, geistert dennoch das Instrumentarium des politischen, des „vorrevolutionären“ Theaters. In einer fragmentarisierten Text/Zitat-Collage wird die (Nicht-)Geschichte eines Gastarbeiters erzählt, der in seine Heimat aufbricht und auf seinem Weg alle erdenklichen Schrecknisse erleidet: eine Demonstration, die brutal niedergeknüppelt wird; die Foltermethoden eines Polizeistaates; die Qualen in einem Konzentrationslager; die Explosion einer Atombombe; schließlich eine alles vernichtende, von der Industrie verschuldete Flutkatastrophe. Die Figuren des Stücks bleiben reduziert auf ihre gesellschaftliche Funktion: der Gastarbeiter; der Gefolterte; der Gendarm; die Gefährtin. Parolen von „Nie wieder Krieg!“ bis „Morte al fascismo!“ werden deklamiert; Sartre und der algerische Widerstandskämpfer Henri Alleg haben einen Kurzauftritt aus dem Off; am Ende des Stücks steht eine Strophe aus Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“.

Heute, dreißig Jahre nach der Entstehung, fällt es, vor allem manchem von uns Jüngeren, schwer, den aufklärerischen Impetus und die politische Aufbruchstimmung, die aus dem Text sprechen, nachzuvollziehen, erscheinen die Stilmittel, mit denen Nono sein Sujet konzipierte, anachronistisch. Ein Musikwerk also, das zu konkret in seiner Entstehungszeit verankert ist, als daß es für eine Theater-Ewigkeit taugte?

Der Regisseur Christof Nel, Bernhard Kontarsky als musikalischer Leiter und Alfred Hrdlicka in seiner ersten Bühnenbildarbeit für die Oper liefern in Stuttgart den Beweis, daß die Jahreszahl im Titel von „Intolleranza 1960“ nicht auch zugleich ein Verfallsdatum ist. Nel hat uns einen nostalgischen Abend für die Veteranen der 68er-Generation erspart und wohltuend auf jede Form von Aktualisierung des Stoffe verzichtet: keine Rostock-Pogrome, keine Asylbewerbertragödien und keine bosnischen Konzentrationslager sind auf der Bühne zu sehen. Nel hat überhaupt assoziative Bildentwürfe gemieden. Er stellt alle Szenen in einen neutralen, abstrakten Raum, ganz im Sinne von Nonos Vorstellung eines „Ideen-Theaters“, das auf illustrative Elemente und Psychologie nicht angewiesen ist. Nels Personenregie beschränkt sich darauf, die Konstellation von Chor und Protagonisten mit sparsamen Bewegungen zu variieren. Nahezu konzertant wirken da manche Szenen in ihrer Statik, karg und nahezu requisitenlos die Ausstattung der schwarzen Einheitsbühne, distanziert und fast unterkühlt Nels Umgang mit dem Grauen. „Der große Explosionsdonner“ einer Atombombe zu Beginn des zweiten Teils der azione scenica bleibt in der Inszenierung ausgespart. Die banal plakativen Textschnipsel aus Zeitungsschlagzeilen, die Nono ihm in seiner Partitur unter der Überschrift „Einige Absurditäten des heutigen Lebens“ vorangestellt hat, sind ersetzt durch dpa-Nachrichten aus dem Lautsprecher, über die dann noch Heiner Müller vom Band seinen „Sisyphos“-Text spricht. Ein gewinnbringender Eingriff in das Stück. Und wenn die vier Gendarmen in blauen Uniformen den emigrante brutal gegen eine weiße Wand drücken, um mit seinem Körper die in blutroter Farbe aufgemalte Parole „no passaran!“ zu verwischen, gehört das bereits zu den drastischsten Szenen des gesamten Abends. Nel hat es Alfred Hrdlicka überlassen, den Schrecken in Bilder zu fassen.

Sperrig, bisweilen wie Fremdkörper ragen dessen bemalte Prospekte in den Bühnenraum. Ohne unmittelbaren Bezug zur Szene senken sie sich aus dem Schnürboden herab oder fahren unvermittelt aus dem Boden empor: Geschundene Kreaturen, nacktes, gequältes Fleisch und düstere Gestalten mit verschwommenen, verzerrten Gesichtszügen. Ein Kopf mit obszön entblößtem Hirngekröse, ein Relief, in das verrenkte, röntgenbildartige Körperabdrücke eingegraben sind, und eine riesige Partiturseite, über die eine Blutspur führt. Die Unabhängigkeit der Elemente, die Eigenständigkeit von Bild, Szene, Sprache und Musik in dieser Inszenierung entsprechen der musikdramatischen Konzeption, die Nono für das Stück vorschwebte. Hrdlicka hat diese Freiheit auf eindrucksvolle Weise genutzt, ohne sich dabei freilich auf Neuland begeben zu müssen, denn Themen wie Faschismus, Revolution oder Foltertod ziehen sich ja wie ein roter Faden durch sein gesamtes Schaffen.

Es ist in erster Linie Nonos Musik selber, die über die zeitgebundenen politischen Aspekte des Stoffs hinausweist und der Oper so ihre Aktualität bewahrt. Schneidend auffahrende Bläsercrescendi, die geradezu haptischen Trommelentladungen, die ekstatische Glut mancher Orchesterpassage, aber auch der Lamentocharakter in den zurückgenommenen Chorsätzen und die beinahe belcantonahen Vokalisen der Solopartien – das alles verbindet Nono mit avanciertesten musiksprachlichen Mitteln zu einem flammenden Appell für Humanität und gegen Unterdrückung. Bernhard Kontarsky, Chor und Orchester der Stuttgarter Staatsoper und die Solisten David Rampy als Flüchtling, Ursula Koszut als Gefährtin und Kathrin Harries als Frau haben dies mit Nachdruck herausgearbeitet. Claus Spahn