All die raffinierten Gerätschaften, die man uns allenthalben als das Entree zum turbogeilen Zeitalter der totalen Kommunikation darbietet, verfolgen, wie wir in unseren luzideren Momenten ahnen, nur ein Endziel: uns an den Heimsessel zu fesseln, wo wir dann an ihren Knöpfchen hantieren, unansprechbar immerdar.

Da schien das Fax eine löbliche Ausnahme. Wer erinnert sich noch, daß der Name nicht von irgendwelchen Faxen kam, die das Ding machte, sondern hemdsärmeliges Amerikanisch für „Faksimile“ war? Es funktionierte auf Anhieb, ohne die langen Anpassungs- und Installations-Prozeduren, mit denen uns unsere PCs so amüsant von der Arbeit abhalten. Und plötzlich mußte man sich am Freitagabend nicht mehr fragen, zu welchem Briefkasten man seine eilige Post fahren mußte, damit sie vor Montag ihren Weg auch nur anträte; plötzlich brauchte man kein fremdsprachiges Zitat mehr am Telephon durchzubuchstabieren. Statt dessen: Fax!

Daß das Ding nicht nur eine Segnung war, bemerkte ich zuerst auf dem Weg der Empathie. Ich fühlte mit den Leuten, die nur an mein Fax gerieten, wenn ich nicht da war, da Fax und Telephon sich bei mir eine Nummer teilten. Wo der Anrufer mich erwartete, tönte ihm erst ein lieblicheres, dann ungemein schrilles Gepfeife ins Ohr – ein sehnsüchtiger Maschinengruß, darauf aus, mit dem anrufenden Fax in ein Duett einzufallen. Meine verhinderten Gesprächspartner wußten das aber nicht und faßten den Mißton als Beleidigung auf, für die ihnen hinterher auch noch 23 Pfennig abgebucht wurden.

Auch fand ich es bald nicht mehr so komisch wie am Anfang, nach jeder längeren Abwesenheit zu Hause die Schlange vorzufinden: eine meterlange Bahn aus diesem unangenehm lappigen Thermopapier, die das Faxgerät aus seinem Rachen gewürgt hatte und die sich nun redundant durch den ganzen Raum ringelte.

Aber das war nichts gegen die Faxtortur. Mancher Beruf bringt es mit sich, daß man in sogenannte Verteiler aufgenommen wird. Dann schicken einem alle möglichen Öffentlichkeitsarbeitsstellen regelmäßig ihre meist herzlich uninteressanten Mitteilungen zu. Etwa: Der Kulturminister hat heute gesagt, Kultur sei ein wichtiges Gut. Solche brennend eiligen Worte kann man natürlich nicht dem normalen Postweg anvertrauen. Praktisch spielt es sich wohl so ab: Jedes solche Referat verfertigt am Tag ein paar Meldungen. Kurz bevor die Sekretärin Feierabend macht, packt sie die Blätter auf ihr Faxgerät und drückt die Rundsendetaste. Und während sie die Tür hinter sich zuzieht, beginnt das Fax die Opfer anzuwählen. Kommt es nicht durch, wiederholt es den Versuch nach zwei, drei, fünf Minuten, je nachdem. Ruhe gibt es erst dann, wenn es seine Botschaft losgeworden ist. Auch wenn sich das angewählte Faxgerät noch so oft und aus den zwingendsten Gründen nicht meldet: es macht unbeirrt weiter, die ganze Nacht hindurch, und würde es am nächsten Morgen meist nicht für andere Zwecke gebraucht, auch für immer.

So kommt, was muß. Irgendwann ist der Empfänger und sein Faxgerät unpäßlich. Man will zur Zeit keinerlei Faksimile; vielleicht liegt man ja mit Fieber im Bett. Oder man hat vergessen, Faxpapier zu kaufen; oder das Faxgerät ist in Reparatur. Die Rundsendebotschaft kann sich nicht ergießen. Also klingelt alle drei Minuten das Telephon. Man nimmt ab: Faxpfiff! Nimmt man nicht ab, so klingelt es einfach alle drei Minuten zehnmal – und nun verpaßt man vielleicht auch noch den dringend erwarteten Anruf. Manche supermodernen Rundsendefaxgeräte bringen es offenbar sogar fertig, die angerufene Nummer zwischen ihren Versuchen zu blockieren. Dann kann man selber auch nicht mehr hinaustelephonieren. Es hilft nur noch eins: kurz den Telephonstecker zu ziehen. Hoffentlich hört sich dieser rüde Abbruch für das gegnerische Fax wenigstens unsäglich gräßlich an. Weiter macht es doch.

Dieter E. Zimmer