Von Peter Hamm

Da Zivilisationen endlich sind, gibt es im Leben einer jeden einen Augenblick, da ihre Zentren keinen Zusammenhalt mehr geben. In solcher Zeit bewahrt keine Legion sie vor dem Zerfall, sondern die lingua. Das war schon in Rom so und vorher, im hellenischen Griechenland. Die Aufgabe des Zusammenhaltens wird in solchen Zeiten von Menschen aus der Provinz übernommen, aus den Randgebieten.“ Joseph Brodskys enthusiastischer Essay über Derek Walcott, der mit diesen Sätzen anhebt, hat sicher wesentlich dazu beigetragen, daß das schwedische Nobelpreis-Komitee in Stockholm in diesem Jahr seinen Preis einem Provinzler zusprach, einem Dichter aus jenen Randgebieten, die gemeinhin von den Zentren erst gar nicht wahrgenommen werden – oder nur in der Form kolonialer Ausbeutung.

Im Reich der Poesie hat sich zentristisches Denken allerdings früh als überholt erwiesen, die intensivsten Impulse liefert hier längst die Peripherie, die Provinz. Vor hundert Jahren noch floh der Urvater der modernen Poesie, der ein halbes Kind war, floh Rimbaud in die Geschichtslosigkeit dieser Peripherie, und diesen Fluchtweg traten nach ihm viele bedeutende Dichter der Alten Welt an, nicht um – wie Rimbaud – ihre Poesie loszuwerden, sondern im Gegenteil, um ihr eine Blutzufuhr zukommen und sie partizipieren zu lassen an der vermeintlichen Unschuld der „edlen Wilden“, die freilich pure Projektion war, die Sehnsucht der Söhne von ganz und gar nicht Unschuldigen.

Inzwischen drängen die Nachfahren jener Wilden, denen die Herrenvölker mit der Sklavenpeitsche doch auch ihre Kultur brachten, in die Zentren der Alten Welt und überschwemmen sie nicht nur mit ihrer Not (die ihren Ursprung in eben diesen Zentren hat), sondern auch mit ihrer Kultur, einer Kultur, die weder rein noch unschuldig ist, dafür aber um so kräftiger und unwiderstehlicher. Es ist eine Kultur, in der sich das Beste und das Schlimmste, das Höchste und das Tiefste aus der Alten und der Neuen Welt miteinander unauflöslich vermengt haben, es ist eine „multikulturelle Kultur“, die sich im Falle der Poesie eines Derek Walcott als ein wunderbares Wiederbelebungselixier für die Poesie der Alten Welt erweist.

Der „starken Tendenz zum Verstummen“, die noch Paul Celan der modernen Poesie abgelesen hatte, setzt die Poesie des „karibischen Homers“, wie man Derek Walcott genannt hat, einen unbedingten poetischen Sprach willen entgegen, der sich kaum noch bändigen läßt und Gedichten am liebsten überhaupt kein Ende mehr gestatten würde. Seinen mächtigsten Ausdruck fand dieses Bedürfnis, die Welt in Poesie zu verwandeln, in Derek Walcotts Versepos „Omeros“, das sich bezeichnenderweise weit weniger auf Homer, den Schriftsteller, bezieht, dessen „Ilias“ und „Odyssee“ Walcott nach eigenem Bekunden niemals vollständig gelesen hat, als auf den Mythos Homer, auf den Schatten, den dieser Mythos warf. „Omeros“, das ist die in locker gereimten Hexametern geschriebene Transposition der „Ilias“ und der „Odyssee“ in ein westindisches Fischerdorf, ein Jedermann-Homer von 2500 Strophen.

„Daß Homer der erste Dichter der Welt war“, schreibt Derek Walcott, „ist vielleicht für die Mittelmeerländer wichtig, aber vielleicht war der erste Dichter ein Lua aus Afrika oder ein Garnelenfischer von Barbados. West-Indien ist eine Mischung von Leuten aus allen Windrichtungen. Ich will damit sagen, daß man seine Geschichte als die eines Lehrlings betrachten sollte, der jetzt eigene Wege einschlagen muß, vorbei an Homer, vorbei an Kolumbus, vorbei an 1992.“ Mittlerweile können von diesem Lehrling aus der Karibik die englisch schreibenden Dichter – und nicht nur sie – nur lernen. Robert Graves bestätigte schon in den sechziger Jahren Derek Walcott, er könne mit der englischen Sprache weit besser umgehen als die meisten englischen Schriftsteller, und Joseph Brodsky rief Derek Walcott gar zum „Shakespeare unserer Zeit“ aus, wobei er vor allem auch den Dramatiker Derek Walcott im Sinn hatte, dessen Stücke, die hierzulande – bis auf eines – nie gespielt wurden, ich leider nur vom rühmenden Hörensagen kenne.

Als Joseph Brodsky vor einigen Jahren in einem New Yorker Hotel, wo neben Derek Walcott noch etliche europäische Dichter ihn besuchten, ein Paket mit Belegexemplaren seiner englisch geschriebenen Essays auspackte, durchbrach Derek Walcott den Chor der Gratulanten mit der Bemerkung: „In deinem Buch fehlt eine Zeile.“ Lange wurde gerätselt, um welche Zeile es sich dabei handeln könne, doch niemand hatte eine Idee. Schließlich Walcott: „Es fehlt die Zeile: Für Derek Walcott, der mir Englisch beibrachte.“ Die Anekdote zeugt über den Witz hinaus vom berechtigten Selbstbewußtsein des Sklavenabkömmlings, der an diese Abkunft freilich noch am selben New Yorker Abend drastisch erinnert wurde, als er in einem Restaurant auf die Tischzuweisung wartete und von einem anderen Gast schroff um die Speisekarte gebeten wurde; für diesen konnte der Schwarze nur Kellner und keinesfalls selbst ein Gast sein.