Von Wilfried F. Schoeller

Die Ertragsmeldung ist zu beachten: Die neunzigjährige Kay Boyle kann, wie ihr deutscher Verlag versichert, unter anderem mit vierzehn Romanen und acht Story-Sammlungen aufwarten. Da sind Überraschungen versprochen. Proben dessen, was sie als Reporterin der Augen und des Herzens an Situationen im Nachkriegsdeutschland vorfand, enthielt der Band „Der rauchende Berg“, der im vergangenen Jahr auf deutsch erschien. Nun geht es mehr darum, eine Künstlerin der kleinen Form und des vertieften Augenblicks vorzustellen. Die Sammlung „Eisbären und andere“ enthält eine Auswahl von Geschichten, die 1930 und 1933 in New York vorgelegt wurden.

Kay Boyle lebte damals in Frankreich, war Weggefährtin von Joyce und Hemingway, Gertrude Stein und Djuna Barnes, die gemeinhin als temporäre Emigranten galten. Gegen solche Wertung der amerikanischen Künstlerkolonie in Paris setzt Kay Boyle die Auffassung, es handle sich um eine „Verzerrung durch Zeit und Erinnerungsvermögen“, „die zerbrechliche Substanz eines Mythos“. In einem dem Band angefügten Interview besteht die letzte Überlebende der sogenannten expatriates darauf, daß der legendäre Zirkel der Amerikaner in Paris zuzeiten der zwanziger und dreißiger Jahre „eine Revolte gegen jede Form literarischer Anmaßung, gegen fade abgestandene Rhetorik, gegen alle ausgelaugten literarischen und akademischen Konventionen“ betrieb.

Aber man darf diese Nachbarschaften nicht allzu sehr betonen: Zu unscheinbar nehmen sich sonst Kay Boyles Kurzgeschichten aus. Gewiß ist in den vorgelegten achtzehn Texten etwas von einer Revolte spürbar, doch ist sie bescheiden auf die Spielkarte mit der Existenzfarbe Jugend gesetzt. Etwas exaltiert auf Taumel, Aufbruch, Abschied, Selbständigkeit, auf Losungen eines Gefühls von Unabhängigkeit. Geschwister nehmen Abschied voneinander, flammenden Herzens und emphatisch verstrickt. Eine Contessa, der ansonsten jedermann zur Verfügung steht, wird vom Freund eines vergeblich umworbenen Mannes besucht, wobei ihre Unterhaltung die leise Sensation der Homosexualität berührt. In der Erwartungsgeschichte eines Vaters sind Unberechenbarkeit und Wildheit der Tochter und ihre Pferdes analog gesetzt.

Das Gelände wird jeweils mit wenigen Ortsmarken sparsam benannt: Künstlerkolonie, Salon, Schiffsdeck, Bar, Hotel, Paris, Monte Carlo, die französischen Alpen, „die Hautevolee dieser Saison in Rom“. Gewisse Pariser Aversionen gegen englische Langweiler werden ausgearbeitet: Die „Briefe einer Lady“ verstehen sich als Verhöhnung eines englischen Gentleman. Über einen anderen Engländer: „Alles, was ich sehen konnte, war Dummheit, aber eine Dummheit, die mit einer solchen Anmut gehandhabt wurde, daß sie einen beinahe zu täuschen wußte.“

Kay Boyles Geschichten enthalten Modernismen wie in einem Musterkatalog: inneren Monolog, Wechsel des Subjekts im gleichen Satz (was Virginia Woolf unnachahmlich vorgemacht hat), die Entgrenzung des Ichs, indem es zum „sie“ changiert. Doch bleiben solche Möglichkeiten im einzelnen Anwendungsfall stecken, wirken wie entlehnt.

Die besten Texte sind die eher konventionellen, in denen es um Erotik geht. Da gibt es komische Eroberer wie zum Beispiel einen dröhnenden Falstaff, der in eine Familie einbricht und aus dem Blickwinkel der Kinder gemustert wird; einen Onkel, der von seiner Heimatlosigkeit schwadroniert und das Dienstmädchen schwängert, während die halbwüchsige Tochter des Hauses von ihm schwärmt; einen jungen Engländer, der drei deutsche Mädchen verzaubert, ohne es zu wissen. Nicht die Ereignisse, noch weniger der Gang der Handlung bestimmen diese Texte; es sind exakt beobachtete Situationen, die umkreist werden.