Als Juri Grigorjewitsch Gekht, Vorstandsvorsitzender der Moskauer Sokolniki AG, immer lauter wurde, beschwerte sich Oliver Neufeldt, daß er die Dolmetscherin nicht mehr hören könne. Und als der Mitarbeiter der Treuhand -Abteilung Abwicklung Neufeldt die Verhandlungen wieder einmal am Nullpunkt sah und seine Sachen packte, schickte Gekht ihm Emissäre hinterher, um ihn an den Tisch zurückzuholen.

Doch nun steht das Dreiecksgeschäft zwischen der Treuhandanstalt, der Sokolniki AG und der Hamburger Hanseatic Coal & Cole Trading GmbH. Für einen Haufen Kohle und eine Mark übernehmen die Russen das Werk 1 der stillgelegten Vereinigten Zellstoffwerke Pirna. Über den Verkauf von sechs bis acht Millionen Tonnen Kohle, den das Hamburger Handelshaus abwickelt, finanzieren die Russen zu zwei Dritteln die Sanierung des Pirnaer Zellstoffwerks. Für die restlichen hundert Millionen Mark kommen der Bund und das Land Sachsen auf. 130 von einst 1500 Arbeitsplätzen werden erhalten. Weitere 220 Jobs will Gekht anbieten, wenn die Sanierung in zweieinhalb Jahren abgeschlossen ist. Treuhand-Direktor Ludwig Tränkner gibt sich in dieser Hinsicht durchaus optimistisch.

Gekht, der erste Russe, der ein Treuhand-Unternehmen übernimmt, ist dringend auf Zellulose angewiesen. Die zum Moskauer Unternehmen gehörende Papierfabrik in Serpuchow bei Moskau liefert bislang nämlich nur mindere Papierqualitäten. Zellulose ist dagegen der Stoff, aus dem Gekht in seiner Druckerei Geldnoten, Schecks und Wertpapiere machen will. So dürften also für ihn keine Risiken in der Übernahme des Pirnaer Zellstoffwerks stecken, das als Dreckschleuder galt und deshalb dichtgemacht wurde. Neufeldt sieht auf der Gegenseite „kein Risiko für die Treuhand“. Das Werk geht erst dann an den neuen Eigentümer über, wenn alle Investitionen getätigt sind. Außerdem hat der russische Wirtschaftsminister Netschajew Menge und Qualität der zu liefernden Kohle garantiert.

Weltweit genießt der Name Löwenbräu einen hervorragenden Ruf, das Löwen-Wappen der Münchner Traditionsbrauerei gehört zu den bekanntesten deutschen Markenzeichen. Doch Berühmtheit allein macht den Löwen nicht satt. Die Bilanzen der Münchner Bierbrauer waren in den vergangenen Jahren alles andere als glänzend. Insbesondere der verunglückte Start des Ablegers in Griechenland bescherte dem Vorstandsvorsitzenden Paul Greineder über Jahre hinweg Millionenverluste.

Da sah sich Großaktionär August von Finck, dessen Familie über neunzig Prozent der Löwenbräu-Aktien hält, zum Handeln gezwungen. Bereits im Frühjahr gab das Haus bekannt, daß die auslaufenden Verträge von Greineder sowie Vertriebs- und Marketingvorstand Walter Eggers nicht verlängert werden. Zudem wurde die AG grundlegend neu organisiert. Der Brauereibereich, das Mineralwassergeschäft und die umfangreichen Immobilien wurden jeweils eigenständigen Profit-Centers zugeordnet, de AG zu einer Holding umgebaut. Proteste von Kleinaktionären („Ein neues Wapperl allein bringt nichts!“) und der um Jobs und Betriebsrenten fürchtenden Belegschaft fruchteten nichts. Baron von Finck blieb hart.

Nach dem organisatorischen Umbau steht jetzt auch die neue Führungsriege fest. Als neuer Vorstandsvorsitzender kommt Franz J. Leibenfrost aus Österreich nach München. Er war bislang bei der Veitscher Magnesit AG und zuvor beim Reifenhersteller Semperit in Wien tätig. Rolf W. Glöckler wird stellvertretender Vorstandschef mit der Zuständigkeit für Vertrieb und Marketing. Glöckler hat das Markenartikelgeschäft von der Pike auf beim Chemieriesen Henkel und dem Lebensmittelmulti BSN gelernt. Für die BSN-Tochter Gervais Danone war er zuletzt mit dem Aufbau des Osteuropageschäftes betraut. Seine Erfahrung auf schwierigen Auslandsmärkten können die Münchner gut brauchen. Schließlich soll der neue Löwenbräu-Werbeauftritt – eine Jungfrau mit dem wilden Löwen am Abgrund – kein Vorzeichen für den Absturz werden.

Die 350 Millionen Mark Zuschuß, die Krupp-Stahl-Chef Jürgen Harnisch für den Einstieg seines Unternehmens bei der Eko Stahl AG im brandenburgischen Eisenhüttenstadt gefordert hatte, stehen sozusagen auf Abruf bereit; aber Harnisch zögert mit der Unterschrift unter den Vertrag mit der Treuhandanstalt.