Was tun, wenn eine zwanzig Jahre lang unbeachtete Geliebte wieder auf sich aufmerksam macht? In diesem Fall mit Hilfe eines Vorabdrucks im Spiegel.

Das gute alte Kursbuch war’s, das solcherart für sich warb, mit einem erfrischend anstößigen Aufsatz von Monika Maron, betitelt „Zonophobie“. Bilder einer erloschenen Leidenschaft tauchten auf: Kursbuch lesen, ach ja.

Also erst einmal: Kursbuch kaufen. Das war so einfach nicht, dennoch gelang es. Leider.

Schon der Titel hätte warnen sollen: „Deutschland, Deutschland“. Das war keineswegs, wie sich hätte denken lassen, der verschmitzte Hinweis darauf, daß es dieses neuerdings wieder so viel besungene Land immer noch zweimal gibt. Getrennt, wenn schon nicht durch eine Mauer, dann doch, immerhin, durch ein Komma. Es war auch nicht die stille Form jener Schreie, die von altersher über Fußballfeldern und in jüngerer Zeit vor sogenannten Asylantenheimen zu hören sind. Deutschland, Deutschland, das war, so ist nach genauerer Betrachtung des Werks zu vermuten, nichts weiter als eine Doppelung aus Versehen. Denn dieser Irrtum hat auch im Heft Methode: Doppelt nämlich sind da abgedruckt gleich zwei, nun ja, Essays: die „Anti-Klage“ von Bernd Wagner, der noch halbwegs originell über die Theologen der versunkenen DDR nachdenkt. Und „Der ironische Westen und der tragische Osten“ von Michael Weck, der sich mit allem anderen beschäftigt, einmal mit und einmal ohne Anmerkungen. Der Umstand, daß Wecks Werk zur Hälfte aus Zitaten besteht, zeigt dabei nur, daß es noch mehr Leute gibt, denen die deutsche Sprache ein ferner Kontinent ist. Während also die Seiten 129 bis 144 (beziehungsweise mit Anmerkungen bis 145) zweimal erscheinen, steht zwischen 112 und 129 rein gar nichts. Auch das Inhaltsverzeichnis verrät nicht, was dort vorgesehen war. Das mag ein Segen sein, wer weiß.

Ein anderes Rätsel aber ist ärger. Die Herausgeber, die die Autoren auf zwei, drei kümmerlichen Zeilen vorstellen, verraten überhaupt nicht, wann die ihre Stücke geschrieben haben, nicht einmal, ob das nun vor oder nach der Wende und/oder Vereinigung geschah. Offenkundig sind einige Beiträge schon Jahre alt.

Doch die Schreiber haben alle die rechte Gesinnung. Auch im tiefsten real noch existierenden Sozialismus war ihnen Deutschland einig Vaterland, jedenfalls erkennbar, daß real nicht wirklich war. Fast alle ihre Aufsätze sind mit dem Zeigefinger geschrieben, von West nach Ost. Aus ihnen quillt oberlehrerhafte Verachtung für die da drüben – und erst recht für die, die es, hier, hätten besser wissen müssen.

Es ist, als hätten alle Harry Rowohlt gelesen, der zur Wendezeit in seinen Kolumnen „Pooh’s Corner“ mitgeteilt hat (so ungefähr, aus dem Gedächtnis zitiert): „Vor drei Jahren habe ich denen da drüben gesagt: Ich gebe euch noch drei Jahre.“ Er hatte freilich vergessen, das Etikett „Achtung: Ironie“ draufzukleben. Nun hat man ihn ernst genommen.

Wären da nicht Sabine Sauers Photos und Yaak Karsunkes „Sarkastische Sonette“, die Begegnung mit der einst so herrlich anstößigen Geliebten wäre ein Wiedersehen voller Zorn gewesen. So sei sie gnädig beiseite gelegt, versehen schnell noch mit einem Zettel: Auf Wiedervorlage in zwanzig Jahren. Rainer Frenkel