Von Harald Willenbrock

Der Schriftsteller Václav Havel war gerade Präsident der Tschechoslowakei geworden, da ließ er sich für Werbezwecke mit einem T-Shirt ablichten. Er lächelte in die Kamera, und auf seiner Brust prangte gut leserlich der Schriftzug: „Index on Censorship“.

Mit seiner Werbeaktion bedankte sich Havel bei jener kleinen Londoner Zeitung, die ihn druckte, als er einer von vielen Dissidenten in tschechischen Gefängnissen war. Index on Censorship veröffentlicht ausschließlich Texte von Autoren, die irgendwo auf der Welt unter Zensur stehen. Für viele Gebannte ist Index die einzige Möglichkeit, überhaupt zu veröffentlichen, für manche sogar die Überlebensgarantie: Wer noch nicht vergessen ist, wird auch nicht umgebracht.

Zwanzig Jahre alt wurde das Blatt in diesem Jahr: Zwei Jahrzehnte Manuskripte schmuggeln, Autoren schützen, Diktatoren ärgern. Für Chefredakteur Andrew Graham-Yooll, einen jovialen, schlitzohrigen Endvierziger mit gemütlichem Vollbart und funkelnden Augen, ist das Jubiläum dennoch kein Grund zum Feiern. Seine Zeitschrift arbeitet zwar sehr effektiv und wird regelmäßig mit Preisen geehrt, rutscht aber seit einigen Jahren immer tiefer in den finanziellen Abgrund. Zehntausend Exemplare beträgt zur Zeit die Auflage, das Defizit mittlerweile 80 000 Pfund. Die einzige Rettung: Index braucht dringend europäische Abonnenten und Sponsoren. Zehnmal im Jahr von zehn festangestellten Redakteuren produziert und in hundert Länder verschickt, ist Index ein Juwel an Informationen aus erster Hand. Es verfügt über hervorragende Quellen und ein weltweites Netz von Sympathisanten, Informanten und Autoren. Die Ausgabe über internationalen Waffenhandel (Nr. 10/91) präsentierte ein Interview mit der Nummer eins der Todeskrämerbranche, Sam Cummings von Interarms, und die kenntnisreichen Analysen eines ehemaligen SIPRI-Direktors. Was in der Londoner Redaktion geschrieben wird, übernehmen sogleich eine Reihe von Medien auf ihre Seiten, wie die Berliner tageszeitung. Und in jedem Heft findet sich „Index Index“, eine aktuelle schwarze Liste von Menschenrechtsverletzungen und Fällen, in denen Journalisten mundtot gemacht oder gar ermordet wurden.

Die „Index Index“-Sektion wuchs im Laufe der Jahre von vier Seiten Zensurverzeichnis auf das-Doppelte. „Und da sagen manche, das Problem der Zensur habe sich erledigt“, kommentiert Andrew Graham-Yooll trocken. „Tatsächlich ist es so, daß sich unser Aufgabengebiet mit dem Ende des Kalten Krieges sehr erweitert hat. Burma, China, Tibet, Sri Lanka, Afrika, der Nahe Osten, Lateinamerika – Index ist weiterhin notwendig.“ Seine Schlagkraft beruht auf der simplen Erkenntnis, daß Unrechtsregime Publizität fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Graham-Yooll hat es selbst erfahren: Der politische Journalist verfaßte 1973 in seiner Heimat Argentinien einen Artikel über die Beschränkung der Pressefreiheit. „Wenn ich das drucke, sind wir alle tot“, war die Reaktion seines Chefs. Die einzige Chance: den Artikel ins Englische zu übersetzen und an Index zu schicken. „Es war ein kalkuliertes Risiko, aber es hat funktioniert“, erinnert sich Graham-Yooll. Später, er war längst nach England ausgewandert, erfuhr er von der Reaktion des argentinischen Innenministers. „Amnesty international und die Zeitschrift Index on Censorship verbreiten Lügen über uns!“

Alles begann 1968 mit einem Brief des russischen Mathematikers Pawel Litwinow in der Times, der an die britischen Intellektuellen appellierte, sich um die Menschenrechte in der Sowjetunion zu kümmern. Der Dichter Stephen Spender organisierte eine Kampagne, an der sich Yehudi Menuhin, Henry Moore und Igor Strawinski beteiligten. Litwinow schlug daraufhin die Gründung eines internationalen Komitees und einer Zeitschrift vor, die permanent Zensur überall auf der Welt zum Thema hat. Index on Censorship wurde geboren. Es hat dann Václav Havel und Wolf Biermann beispielsweise als erste Zeitschrift international und auf englisch publiziert. Auch Ariel Dorfmans Stück „Der Tod und das Mädchen“, seit einem Jahr am Londoner West End und am Broadway gefeiert, wie Andrew Graham-Yooll ein wenig stolz berichtet.