Von Gunter Hofmann

Willy Brandt hat viele Leben gelebt, voller Abschiede und Anfänge. Sie kamen und gingen mit den großen Einschnitten, den Katastrophen, den Glanzpunkten, aber auch mit der „Mühsal der Ebene“ in der deutschen Geschichte seit der Weimarer Republik. Denn der Lübecker Brandt, der große Sozialdemokrat, wurde im gleichen Jahr geboren, in dem August Bebel starb: 1913. Und im unpolitischen, indifferenten Abseits stand er nie.

„Wer war ich? Ein norddeutscher Arbeiterjunge, der in die sozialistische Bewegung hineingeboren wurde.“ Einer, der sich wie andere auch noch 1930 nicht träumen ließ, daß die „Eiferer mit dem Hakenkreuz“ bald die Macht besitzen, Bücher verbrennen, Konzentrationslager errichten und Europa in einen wahrhaft totalen Krieg stürzen würden.

Dieser junge Mann – durch alle Wirren hindurch auf eine merkwürdige Weise stets geschichtsoptimistisch – wollte nicht glauben, „daß die Weimarer Republik auf jeden Fall hätte zugrunde gehen müssen“. Solcher Fatalismus widerstrebte dem Homo politicus Brandt.

„Wie konnte es nur geschehen?“ fragte er später immer wieder. „Wie konnten die Sozialdemokraten nur zuwarten?“ Gerade in seinen letzten Jahren hat sich Brandt, wie ich mich entsinne, oft solche Fragen gestellt.

Zwölf seiner jungen Jahre hat er im Exil verbracht und dann, als „deutscher Antinazi“, wie er sich nannte, die Geschicke Berlins, der SPD, der Republik mitbestimmt und ihr Bild nach außen geprägt und verändert – mehr als viele, vielleicht mehr als alle anderen. Aber es geht nicht um einen Staatsmänner-Schönheitswettbewerb, Brandt soll auf keinen Sockel, er paßt nicht zu harmoniesüchtigen Identifikationswünschen.

Brandt selbst beherrschte die Kunst, sein Leben derart im Zeitraffer zusammenschnurren zu lassen, daß alles sehr logisch, glatt und eindimensional erschien. In Wahrheit aber enthielt es viele Brüche und Widersprüche.