So steht er uns vor Augen: souverän, nachdenklich, verschlossen, inspirierend, Visionen beschwörend, Loyalität erzeugend. Aber auch einsam – sehr einsam.

Vor Jahren hat er einmal auf die Frage von Günter Gaus in einem Fernsehinterview geantwortet: „Ich will es nicht dramatisieren, das mit der schwierigen Kindheit – es war gut für mich gesorgt, das war es nicht. Aber man unterschied sich von anderen. Ich hatte viele Freunde – aber im Grunde keinen, der mir wirklich nahe war... Lange Jahre gewohnt, mit mir allein auszukommen, fiel es mir nicht leicht, meine Gefühle und innersten Gedanken mit anderen zu teilen.“ Mit kleineren Worten läßt sich großer Schmerz wohl kaum beschreiben.

Er hatte schon früh Ersatz für die Familie in der Sozialistischen Jugendbewegung gefunden. Für ihn war eine Ausnahme geschaffen worden: Er wurde zwei Jahre früher, als die Regel es erlaubt, mit sechzehn, in die SPD aufgenommen. Aber schon als Neunzehnjähriger, im Frühjahr 1933, mußte er, auf sich allein gestellt, emigrieren – er flüchtete in einem Fischkutter über die Ostsee.

Im Jahre 1946 kehrte er dann als Presseattache der Norwegischen Militärmission – in Uniform – nach Berlin zurück. Als ihm ein Jahr später von der SPD angeboten wurde, die Verbindungsstelle der Partei zu den Alliierten zu übernehmen, entschloß er sich, wieder deutscher Staatsbürger zu werden.

Wegen der fremden Uniform aber hat er viele gemeine Angriffe erdulden müssen. Zwanzig Jahre später, 1966, als Außenminister, leitete Brandt ein neues Kapitel in unserer Geschichte ein. Die juristischen Fiktionen, mit denen bis dahin Außenpolitik betrieben worden war, legte er beiseite und leitete die Entspannung ein. Von der CDU wurde der Wahlkampf des Jahres 1969 noch immer defensiv mit den alten Argumenten geführt, die SPD trat dagegen offensiv unter der Fahne der Ostpolitik an.

Brandt hat den außenpolitischen Spielraum der Bundesrepublik, die vier Legislaturperioden in den Fesseln der Hallstein-Doktrin gelegen hatte, entscheidend erweitert – zuvor war fünfzehn Jahre lang kein Brief zwischen den beiden deutschen Regierungen hin- oder hergegangen. Jetzt kam die Politik endlich in Bewegung. Und sogleich wurde die DDR von Angst vor den Folgen der Entspannung befallen. Außenminister Otto Winzer bezeichnete Egon Bahre Wandel durch Annäherung als „Aggression auf Filzlatschen“. Auch die Sowjetunion stellte fest, daß sie dem Westen gegenüber zum ersten Mal die Initiative verloren hatte. Die Hoffnungen, die in Polen und in der ČSSR daraufhin das Volk beflügelten, führten zu Unruhen, die Moskau bewiesen, daß der Zusammenhalt des östlichen Lagers im Zeichen der Entspannung nur schwer aufrechterhalten werden könne. Darum rollten am 21. August 1968 die sowjetischen Panzer nach Prag.

Als Willy Brandt dann im Oktober 1969 Bundeskanzler wurde, verkündete er als Ziel seiner Politik „enge Zusammenarbeit mit den westlichen Verbündeten, Förderung der westeuropäischen Integration und Verständigung mit dem Osten“. Dann ging es Schlag auf Schlag: im August 1970 Vertrag mit Moskau; im Dezember Vertrag mit Warschau und zwei Jahre später der Grundlagenvertrag mit der DDR.